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"Verantwortung fĂŒr Menschen ist weniger wert als fĂŒr Maschinen"

  • Christine Holthoff
Von Christine Holthoff

Aktualisiert am 24.03.2021Lesedauer: 9 Min.
Eine Pflegerin untersucht eine Patientin (Symbolbild): Frauen sind in der Pflege unterreprÀsentiert.
Eine Pflegerin untersucht eine Patientin (Symbolbild): Frauen sind in der Pflege unterreprÀsentiert. (Quelle: sanjeri/getty-images-bilder)
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Ein Grund, warum Frauen im Schnitt weniger verdienen als MĂ€nner, ist die Berufswahl. Doch wieso zieht es sie ausgerechnet in unterbezahlte Jobs? Oder liegt das Problem vielleicht ganz woanders?

Das Wichtigste im Überblick


  • Warum gibt es immer noch "typische Frauenberufe"?
  • Wie lassen sich Rollenbilder aufbrechen?
  • Was hat sich schon getan?
  • Warum sind bestimmte Berufe besser bezahlt als andere?
  • Wie können systemrelevante Berufe besser bezahlt werden?

MĂ€nner sind Ingenieure, Frauen VerkĂ€uferinnen. MĂ€nner unterrichten am Gymnasium, Frauen in der Grundschule. So schwarz-weiß ist die RealitĂ€t natĂŒrlich nicht, trotzdem gibt es Berufe, die entweder von Frauen oder MĂ€nnern dominiert werden.

Dabei gilt: Dort, wo vor allem Frauen arbeiten, ist der Lohn im Schnitt geringer. Und nicht nur das: Oft sind die BeschÀftigungsverhÀltnisse auch prekÀr, etwa im Einzelhandel oder in der Gastronomie. Warum tun Frauen sich das an? Oder wird womöglich andersherum ein Schuh draus: Sind "Frauenberufe" deshalb schlecht bezahlt, weil sie von Frauen erledigt werden?

Warum gibt es immer noch "typische Frauenberufe"?

Eine große Rolle spielen Sozialisation und Vorbilder – oder besser gesagt: nur unzureichend vorhandene Vorbilder. Das geht los im Elternhaus und setzt sich fort in der Erziehung in Kitas und Schulen, in der Ausbildung und im Studium. Wer einmal ein Stereotyp oder Klischee im Kopf hat, kommt so schnell nicht davon los. Das wiederum zementiert etablierte Strukturen in der Berufswelt.

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Welchen Einfluss solche Stereotype bereits auf den Kompetenzglauben von Kindern haben, zeigt eine Studie von Hamburger Wissenschaftlern, die 2020 in der Fachzeitschrift "Child Development" veröffentlicht wurde. Demnach schÀtzen Jungen, die besonders fest daran glauben, dass MÀdchen besser lesen, ihre eigene Lesekompetenz eher gering ein und lesen selbst weniger gerne. Beim tatsÀchlichen LeseverstÀndnis schnitten sie zudem auch schlechter ab. Je nach Stereotyp dreht sich der Effekt.

MÀdchen können angeblich kein Mathe

"TatsĂ€chlich ist es so, dass frĂŒhere Studien, die Geschlechterstereotype untersucht haben, vor allem auf die Mathematik geschaut haben, die als mĂ€nnliche DomĂ€ne in den Köpfen der Menschen gilt", sagt die Psychologin und Hauptautorin der Hamburger Studie Francesca Muntoni.

"Dabei gibt es Studien, die herausgefunden haben, dass dieses Stereotyp das Selbstkonzept der MÀdchen negativ beeinflussen kann." Sie stuften ihre eigene Kompetenz in Mathematik also herab, was wiederum ihre Leistung negativ beeinflussen könnte.

Gleiche Leistungen fĂŒhren nicht zu gleichen Interessen

Doch selbst wenn die tatsĂ€chlichen Leistungen von MĂ€dchen und Jungen Ă€hnlich sind, gehen die Interessen fĂŒr bestimmte Berufsfelder auseinander. Das zeigt eine Untersuchung der Organisation fĂŒr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), fĂŒr die Daten der Pisa-Schulleistungsstudien aus den Jahren 2000 bis 2018 in insgesamt 14 LĂ€ndern weltweit ausgewertet wurden.

Demnach interessieren sich Jungen, die in den Pisa-Erhebungen in Mathematik oder Naturwissenschaften gut abschnitten, hĂ€ufiger fĂŒr einen Job in diesen Bereichen als Ă€hnlich erfolgreiche MĂ€dchen. Die sahen ihre Zukunft stĂ€rker im Gesundheitswesen. Auch hier spielen Stereotype eine Rolle.

Job in der Kinderbetreuung ist jedem vierten jungen Mann unangenehm

So fand die reprĂ€sentative Jugendbefragung des Sinus-Instituts 2020 heraus, dass sich junge Frauen in der Entscheidung fĂŒr Berufe in der Kindertagesbetreuung und Pflege stĂ€rker unterstĂŒtzt fĂŒhlen als junge MĂ€nner. WĂ€hrend 74 Prozent der weiblichen Befragten angaben, ihre Eltern wĂŒrden sie unterstĂŒtzen, waren es bei den MĂ€nnern nur 59 Prozent.

Jeder vierte Mann stellte zudem fest, dass es ihm unangenehm wÀre, wenn Freunde mitbekÀmen, dass er einen Job in der Kinderbetreuung oder Pflege beginnen will. Bei den Frauen gab das nur gut jede Zehnte an.

"Was wir sehen, beeinflusst, was wir fĂŒr möglich halten"

Rollenbilder verfestigen sich aber nicht nur durch Erziehung und das soziale Umfeld, sondern auch durch Medienkonsum. "Das, was wir sehen, beeinflusst, was wir fĂŒr möglich halten", sagt Karin Heisecke, Projektleiterin der MaLisa Stiftung, die 2016 von der Schauspielerin Maria FurtwĂ€ngler und ihrer Tochter Elisabeth gegrĂŒndet wurde. Die Stiftung verfolgt das Ziel einer gleichberechtigten Gesellschaft und untersucht, wie oft und auf welche Art Frauen und MĂ€nner in den Medien vorkommen.

Das Ergebnis: "Frauen kommen deutlich seltener vor und wenn, dann in stereotypen Rollen", sagt Heisecke. Das zeige sich sowohl im Fernsehen und Kino als auch in Streamingangeboten und den Sozialen Medien. "Selbst auf den vermeintlich selbstbestimmten Youtube-KanÀlen beschÀftigen sich Frauen auffÀllig hÀufiger mit Themen wie Schönheit, Deko, Kochen oder Backen."

Wie lassen sich Rollenbilder aufbrechen?

DafĂŒr braucht es einen langen Atem und Maßnahmen auf vielen Ebenen, sagen Expertinnen und Experten. Die Bundesregierung versucht mit ihrer Initiative "Klischeefrei", einem BĂŒndnis von Organisationen aus Bildung, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, dem Einfluss von Stereotypen bei der Berufswahl entgegenzuwirken.

Konkret richtet sich die Initiative an jeden, der Kinder und Jugendlichen klischeefreies Denken und Handeln vorleben kann. Dazu zĂ€hlen Eltern, aber auch Lehr- und FachkrĂ€fte in Kitas, an Schulen und Hochschulen, in Unternehmen, sozialen Einrichtungen und der Berufsberatung. "Klischeefrei" berĂ€t etwa, wie man Berufs- und Studienorientierung so gestalten kann, dass Jugendliche die Zukunft wĂ€hlen, die zu ihren StĂ€rken und Interessen passt, und gibt Praxistipps fĂŒr klischeefreien Unterricht.

Lehrerinnen und Lehrern kommt wichtige Rolle zu

"Wichtig ist, junge Menschen zu unterstĂŒtzen, ihren Lebens- und Berufsweg selbstbestimmt zu gestalten", sagt eine Sprecherin des Familienministeriums, das die Initiative unterstĂŒtzt. Auch die jĂ€hrlichen Zukunftstage "Girls’ Day" und "Boys' Day" wĂŒrden dazu beitragen, dass sich MĂ€dchen und Jungen bewusst werden, wie viele verschiedene Berufe ihnen offenstehen – unabhĂ€ngig von ihrem Geschlecht.

FĂŒr die Hamburger Psychologin Francesca Muntoni kommt den Lehrerinnen und Lehrern eine zentrale Rolle zu, weil sie leichter zu erreichen seien als die Eltern und selbst eine deutlich grĂ¶ĂŸere Reichweite haben. "Wenn die Lehrkraft in der Lage ist, den Unterricht sowohl fĂŒr MĂ€dchen als auch fĂŒr Jungen motivationsfördernd zu gestalten, können Geschlechterunterschiede reduziert werden", sagt die Wissenschaftlerin.

SchulbĂŒcher sollen frei von Stereotypen sein

2016 haben die Kultus- und Gleichstellungsminister der BundeslĂ€nder Leitlinien beschlossen, die zu geschlechtergerechter Bildung fĂŒhren sollen. Dazu zĂ€hlt zum Beispiel, dass die Aufgaben in SchulbĂŒchern keine Stereotype enthalten und das Lehrmaterial unterschiedlichste LebensentwĂŒrfe abbildet.

Lehrerinnen und Lehrer sollen in ihrer Ausbildung lernen, auf die persönlichen StÀrken der Kinder zu achten und damit geschlechtsneutral umzugehen, so eine Sprecherin des Bildungsministeriums Brandenburg, das derzeit den Vorsitz der Kultusministerkonferenz innehat.

Weg von "fĂŒrsorglichen MĂ€dchen" und "wilden Jungs"

Nicht zuletzt sind die Eltern gefordert. "Wir mĂŒssen uns unserer eigenen PrĂ€gungen und Vorurteile bewusst werden und jeden Tag aufs Neue versuchen, sie zu ĂŒberwinden", sagt Sascha Verlan vom Verein Rosa-Hellblau-Falle, der sich dafĂŒr einsetzt, Rollenklischees im Alltag zu entkommen.

Wenn man sich klar darĂŒber werde, dass MĂŒtter im Schnitt mehr und lĂ€nger trösten, könnten VĂ€ter den Umgang mit ihren Kindern entsprechend Ă€ndern. Wenn man wisse, dass die körperlichen FĂ€higkeiten von Jungen eher ĂŒberschĂ€tzt und die von MĂ€dchen unterschĂ€tzt werden, könnten Eltern ebenfalls ausgleichend wirken. Allerdings reiche das nicht aus.

"Familie ist keine Insel", sagt Verlan. Durch Werbung, Filme und BĂŒcher, durch Kita und Grundschule wĂŒrden Kinder ganz automatisch erfahren, was es bedeute, ein vermeintlich "richtiger Junge" oder ein "echtes MĂ€dchen" zu sein. "Verlage und MedienhĂ€user und nicht zuletzt die Spielwarenindustrie sollten ihre soziale Verantwortung annehmen und aufhören mit den klischeehaften Zuschreibungen von fĂŒrsorglichen MĂ€dchen und wilden Jungs."

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"MĂ€nner verstehen sich selbst schneller als Experten"

Darauf wirkt auch die MaLisa Stiftung hin, die insbesondere die Rolle der Medien im Blick hat und sich dort vielfĂ€ltigere Vorbilder wĂŒnscht. Redaktionen könnten beispielsweise stĂ€rker darauf achten, Frauen und MĂ€nner gleichberechtigt als Expertinnen und Experten zu Wort kommen zu lassen.

"Es mag am Anfang etwas mehr Zeitaufwand bedeuten, das Adressbuch mit potentiellen Interviewpartnerinnen und -partnern anzupassen. MĂ€nner werden erfahrungsgemĂ€ĂŸ eher als Experten wahrgenommen und verstehen sich selbst auch schneller als Experten. Oft haben sie auch schlicht mehr Zeit fĂŒr Interviews, weil sie weniger Sorgearbeit leisten", sagt Projektleiterin Heisecke. Dennoch lohne sich die Anstrengung, weil mehr weibliche Vorbilder dazu fĂŒhrten, dass eine ausgewogenere Welt vorstellbar werde.

Was hat sich schon getan?

Die Tendenz zeigt in die richtige Richtung. Einer Auswertung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags zufolge streben immer mehr MĂ€dchen Ausbildungsberufe an, die traditionell bei Jungs beliebt – und teilweise besser bezahlt sind.

So wollen MĂ€dchen zum Beispiel immer öfter Fachinformatikerin werden. Zwischen 2016 und 2018 ist der Beruf in der Beliebtheitsliste bei den MĂ€dchen von Platz 41 auf Platz 33 geklettert. Auch der unangefochtene Lieblingsjob bei jungen MĂ€nnern, Kraftfahrzeugmechatroniker (frĂŒher Kfz-Mechaniker), ist bei den jungen Frauen in der Beliebtheit gestiegen und hat sich in der Rangliste von Platz 43 auf Platz 36 vorgeschoben.

Umgekehrte Beispiele gibt es dabei auch: Mehr Jungen entscheiden sich dafĂŒr, zahnmedizinischer Fachangestellter zu werden (von Rang 131 auf Rang 113) oder Friseur (von Rang 41 auf 35).

Gebremst werde die Entwicklung aber dadurch, dass immer noch zu viele junge MÀnner und Frauen nur die Top 10 der Ausbildungsberufe kennen. Zu oft folgten Jugendliche Klischees und schrÀnkten deswegen ihre Berufswahl ein.

Nur langsamer Fortschritt bei MINT-FĂ€chern

Ausgezeichnete Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat in der Regel, wer seine Ausbildung oder sein Studium in den sogenannten MINT-FĂ€chern absolviert hat. Die AbkĂŒrzung MINT steht fĂŒr Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

Wie es deutschlandweit vorangeht mit den Frauen und MINT, dokumentiert die Webseite komm-mach-mint.de. Sie registriert zwar Fortschritte, von einem schnellen Wandel kann aber keine Rede sein. So lag der Anteil von Studentinnen im ersten Fachsemester in MINT-FĂ€chern 1975 bei 20,3 Prozent, 1995 bei 28,4 Prozent, 2005 bei 30,1 Prozent und 2020 bei 34,2 Prozent.

Warum sind bestimmte Berufe besser bezahlt als andere?

Es gibt durchaus gute GrĂŒnde, warum beispielsweise eine Chirurgin mehr verdient als eine Friseurin. Sie war viel lĂ€nger in Ausbildung, in ihrem Job geht es um Leben und Tod und nicht zuletzt soll das gute Gehalt sicherstellen, dass ausreichend Menschen diesen Beruf lernen wollen.

Andere Jobs – etwa in der Industrie – bringen auch deshalb viel Geld, weil in der Branche mehr Kapital bewegt wird und höhere Margen möglich sind als anderswo. So gehören der Maschinenbau und die Pharmaindustrie traditionell zu den Spitzenreitern bei der VergĂŒtung.

Es kann also sinnvoll sein, dass bestimmte Berufe und Positionen besser bezahlt werden als andere. Trotzdem bleibt die Frage, welches Ausmaß an "besser" noch gerecht ist. Die Hans-Böckler-Stiftung kam 2018 in einer Untersuchung zu dem Schluss, dass VorstĂ€nde von Dax-Unternehmen im Durchschnitt 71-mal so viel verdienen wie die durchschnittlichen BeschĂ€ftigten in ihrer Firma. Spitzenreiter war der Vorstandschefs der Deutschen Post: Seine Arbeit war dem Unternehmen 232-mal so viel wert wie die seines durchschnittlichen Angestellten.

Und noch etwas ist schwer zu vermitteln: Ist der Frauenanteil in einem Beruf hoch, ist das Gehalt in der Regel geringer als in mÀnnlich dominierten Berufen mit gleichwertigen Anforderungen. Das haben die Wissenschaftlerinnen Ute Klammer, Christina Klenner und Sarah Lillemeier anhand ihres 2017 entwickelten "Comparable Worth Index" erstmals statistisch nachweisen können.

"Verantwortung fĂŒr Menschen weniger wert als fĂŒr Maschinen"

DafĂŒr kategorisierten sie rund 150 Berufe nach verschiedenen Arten von Belastungen und Anforderungen wie zum Beispiel Wissen und Können, psycho-soziale und physische Kompetenzen. Alle Jobs, die von der Gesamtbelastung vergleichbar waren, wurden anschließend in einer Gruppe zusammengefasst und innerhalb dieser dann der Stundenlohn der einzelnen Berufe verglichen.

"So konnten wir zeigen, dass die Arbeitsbewertung einen erheblichen Anteil am Gender-Pay-Gap hat", sagt Ute Klammer, Direktorin des Instituts fĂŒr Arbeit und Qualifikation (IAQ) der UniversitĂ€t Duisburg-Essen.

Ihrer Untersuchung zufolge verdient eine FĂŒhrungskraft im mĂ€nnlich dominierten Bereich der IT-Dienstleistungen im Schnitt knapp 17 Euro mehr pro Stunde als eine Fachkraft im weiblich dominierten Bereich der Pflege und Gesundheit – und das, obwohl die Berufe Ă€hnlich fordernd und belastend seien. "Die FĂŒrsorge fĂŒr Menschen wird nicht so hoch anerkannt wie die Verantwortung fĂŒr große Maschinen", sagt Klammer.

Wie können systemrelevante Berufe besser bezahlt werden?

"Das hĂ€ngt letztlich davon ab, wie viel einer Gesellschaft diese Berufe wert sind", sagt Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Die Politik mĂŒsse ihre PrioritĂ€ten entsprechend setzen.

Beispiel Grundschullehramt: Weil die Verantwortung von Grundschullehrerinnen und -lehrern genauso hoch sei wie bei LehrkrĂ€ften an Gymnasien, mĂŒssten sie auch Ă€hnlich bezahlt werden. "Daran arbeiten die LĂ€nder inzwischen, Berlin hat es sogar schon umgesetzt", so die DGB-Vize.

Doch der politische Wille alleine reicht nicht immer. Beispiel Pflegebranche: Hier hielt die Bundesregierung schon vor der Corona-Pandemie einen flĂ€chendeckenden Tarifvertrag fĂŒr nötig. Und tatsĂ€chlich ist 2019 mit der Bundesvereinigung der Arbeitgeber in der Pflegebranche (BVAP) ein Arbeitgeberverband entstanden, mit dem sich die Gewerkschaft Verdi auf einen Tarifvertrag in der Altenpflege verstĂ€ndigt hatte.

Caritas stellt sich gegen Tarifvertrag in der Altenpflege

Blockiert wurde das Vorhaben zuletzt von der Arbeitgeberseite der Caritas. Sie hielt den Tarifvertrag fĂŒr nicht geeignet, um die Bedingungen in der Pflege zu verbessern, und fĂŒrchtete Nachteile fĂŒr den eigenen Tarif. Wegen des Entschlusses konnte Arbeitsminister Hubertus Heil den Vertrag nicht fĂŒr allgemeinverbindlich erklĂ€ren.

"Ein schlimmes Signal fĂŒr die BeschĂ€ftigten im Pflegebereich", sagt Hannack. "Zu Beginn der Corona-Krise wurde fĂŒr die Pflegerinnen und Pfleger noch geklatscht. Jetzt ist zu sehen, dass viele Arbeitgeber es offenbar nicht ernst meinen, wenn es darum geht, den FachkrĂ€ftemangel auch mit guten Löhnen entgegenzuwirken."

Besonders schwer ist die Situation fĂŒr BeschĂ€ftigte im Einzelhandel. "Einerseits flĂŒchten die Unternehmen aus den TarifvertrĂ€gen, andererseits arbeiten viele BeschĂ€ftigte in Teilzeit oder Minijobs – und die organisieren sich dann meist nicht in einer Gewerkschaft. Dabei ist doch gerade fĂŒr sie eine gemeinsame Interessenvertretung wichtig", sagt Hannack.

Das Problem sieht auch IAQ-Direktorin Klammer. Gerade im Einzelhandel wĂ€re es hilfreich, wenn es einen Tarifvertrag geben wĂŒrde, der fĂŒr allgemeinverbindlich erklĂ€rt werden könnte, also auf noch nicht tariflich gebundene Arbeitnehmer und Arbeitgeber ausgeweitet werden könnte.

Denn: "Der 'Comparable Worth Index' zeigt zwar, dass eine Fachkraft in der Altenpflege genauso gut bezahlt werden mĂŒsste wie ein Ingenieur", sagt Klammer, "daraus ergibt sich aber kein rechtlicher Anspruch, weil Löhne anders gebildet werden".

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