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Oxfam-Studie – Soziale Ungleichheit: So werden Arme doppelt benachteiligt

Arme immer ärmer, Reiche immer reicher  

Soziale Ungleichheit: So werden Arme doppelt benachteiligt

21.01.2019, 16:39 Uhr | Hereward Holland, Georg Merziger, , rtr, dpa, AFP

Erklär-Video zu Armut in Deutschland (Quelle: Imago)
Armut im reichen Deutschland

Rund 15,5 Millionen Menschen in Deutschland sind von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das ist rund ein Fünftel der Bevölkerung. Immer mehr Menschen bleiben dauerhaft arm. (Quelle: t-online.de)

Armut in Deutschland: Immer mehr ältere Menschen sind davon betroffen und auf Grundsicherung angewiesen. (Quelle: t-online.de)


Die Reichen werden in Deutschland immer Reicher. Das zeigt eine Studie der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam. Warum das so ist und wie die Politik gegensteuern kann.  

Die Kluft zwischen Armen und Reichen in der Welt ist der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam zufolge im vergangenen Jahr weiter gewachsen. Oxfam beruft sich auf eine Studie, die anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos in Kenias Hauptstadt Nairobi vorgelegt wurde.

Ungerechte Besteuerung Grund für Ungleichheit

Demnach stiegen die Vermögen der Milliardäre 2018 um zwölf Prozent. Dagegen habe es bei der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung einen Rückgang um elf Prozent gegeben. Die Autoren führten dies insbesondere auf eine aus ihrer Sicht ungerechte Besteuerung zurück.

Hier würden die Armen doppelt benachteiligt, sagt die Geschäftsführerin von Oxfam International, Winnie Byanyima. So müssten sie zum einen eine relativ höhere Steuerlast tragen als die Reichen und zum anderen unter den Auswirkungen der zunehmenden Unterfinanzierung staatlicher Dienstleistungen leiden. Byanyima wirft den Regierungen mangelhafte Bemühungen im Kampf gegen Steuerhinterziehung vor. Außerdem seien die Steuersätze für Reiche und Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten gesenkt worden. Die Belastungen würden durch höhere Verbrauchssteuern verstärkt auf die ärmeren Schichten abgewälzt. 

Frauen und Mädchen besonders betroffen

Die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation warnt, dass weltweit besonders Frauen und Mädchen von sozialer Ungleichheit bedroht seien. So besäßen Männer im globalen Durchschnitt 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen. Zudem hätten Frauen wegen unbezahlter Arbeit wie Pflege oder Kindererziehung oft weniger Zeit, sich politisch zu betätigen – dies verstärke ihre Benachteiligung und zementiere ein Wirtschaftssystem, das von Männern für Männer gemacht sei. Pro Jahr leisteten Frauen unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit im Wert von zehn Billionen Dollar, heißt es in dem Bericht. Das entspreche etwa dem 38-fachen Jahresumsatz des VW-Konzerns.

Byanyima fordert die Staatengemeinschaft zu höheren Investitionen in Bildung auf. "Die Größe des Bankkontos sollte nicht diktieren, wie viele Jahre Kinder in der Schule bleiben oder wie lange wir leben. Doch dies ist nach wie vor die Realität in zu vielen Ländern der Erde", sagt sie.

Mehr Investitionen in Gesundheit

Nötig sind dem Bericht "Public Good or Private Wealth" (Gemeinwohl oder privater Reichtum) zufolge zudem höhere Investitionen in die öffentliche Gesundheitsversorgung sowie eine stärkere und effektivere Besteuerung von Konzernen und Vermögenden. Es sei dringend Zeit zu handeln, so Ellen Ehmke, Oxfam-Deutschland-Referentin für soziale Ungleichheit. "Jeder Tag, den wir verlieren, verschärft das Ungleichheitssystem."

Weltweit lebten noch immer 736 Millionen Menschen in extremer Armut – also von maximal 1,90 US-Dollar je Tag. Die Entwicklung sei aber positiv: Die Zahl habe sich zwischen 1990 und 2010 halbiert und nehme weiter ab. Ehmke wies aber darauf hin, dass fast die Hälfte der Weltbevölkerung – etwa 3,4 Milliarden Menschen oder 46 Prozent – von maximal 5,50 Dollar pro Tag lebe. Vielen Menschen drohe etwa bei Krankheit der Fall in die extreme Armut, weil sie Behandlungen oder Medikamente nicht bezahlen könnten.

Deutsche Milliardäre steigern Vermögen um 20 Prozent

Oxfam warnt zudem, die Schere zwischen Arm und Reich verstärke die Spaltung in der Gesellschaft. "Das Problem der wachsenden sozialen Ungleichheit ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit", sagt Jörn Kalinski, Leiter Entwicklungspolitik von Oxfam Deutschland. Sie biete einen Nährboden für gefährliche Entwicklungen wie Rechtspopulismus und aggressiven Nationalismus.

26 Milliardäre besäßen genauso viel wie die ärmere Häfte der Weltbevölkerung, kritisiert Byanyima. Das Vermögen von Amazon-Chef Jeff Bezos, dem reichsten Mann der Welt, sei 2018 auf 112 Milliarden Dollar angewachsen. Das Gesundheitsbudget Äthiopiens entspricht demnach einem Prozent seines Vermögens.

Hierzulande steigerten die Milliardäre ihr Vermögen im vergangenen Jahr um 20 Prozent, wie aus dem Bericht hervorgeht. Insgesamt verfüge das reichste Prozent der Bevölkerung über ebenso viel Vermögen wie die 87 ärmeren Prozent. Damit zähle Deutschland zu den Industrienationen mit der größten Vermögensungleichheit. Mit 15,8 Prozent liege die Armutsquote auf dem höchsten Stand seit 1996, jedes fünfte Kind sei von Armut betroffen. Frauen verdienten im Durchschnitt 21,5 Prozent weniger als Männer; schlechter sei die Lage in der EU nur in Estland und Tschechien.

Oxfam: Mindestlohn muss erhöht werden

Zur Bekämpfung der Ungleichheit in Deutschland fordert Oxfam eine Erhöhung des Mindestlohns. "Der Mindestlohn ist zu niedrig, gerade in Ballungszentren", sagt Referentin Ehmke. So ließen sich etwa die stark steigenden Mieten mit dem derzeitigen Satz von 9,19 Euro pro Stunde nicht mehr bezahlen.



Es gebe allerdings auch Fortschritte, sagt Oxfam-Steuerexperte Tobias Hauschild und verwies auf Pläne der EU zur Besteuerung von Großkonzernen oder die Aufhebung des Bankgeheimnisses in der Schweiz. "Das sind Dinge, über die vor zehn Jahren nicht geredet wurde." Kalinski betont, einige Entwicklungen – etwa die Amtsführung von US-Präsident Donald Trump, der Brexit oder der Aufstieg rechtspopulistischer Parteien – hätten zudem in Politik und Wirtschaft zum Nachdenken geführt. Nötig sei nun aber eine konsequente Sozialpolitik.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagenturen Reuters, dpa, AFP

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