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"Sterben ist out. FĂŒr so einen Quatsch habe ich keine Zeit"

  • Marc von LĂŒbke-Schwarz
Von Marc von LĂŒpke-Schwarz, RĂŒdiger Schmitz

Aktualisiert am 26.08.2018Lesedauer: 15 Min.
Kalle Schwensen: Eine Szene aus dem Film "So was von da", in dem die Kiez-GrĂ¶ĂŸe mitspielt. (Quelle: DCM Filmdistribution)
Kalle Schwensen: Eine Szene aus dem Film "So was von da", in dem die Kiez-GrĂ¶ĂŸe mitspielt. (Quelle: (Quelle: DCM Filmdistribution))
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Karl-Heinz "Kalle" Schwensen, gerade im Drama "So was von da" im Kino zu sehen, ist eine Institution auf der Hamburger Reeperbahn. Am kommenden Donnerstag wird er 65 Jahre alt. Ein GesprĂ€ch ĂŒber MeToo, FlĂŒchtlinge und die AfD, dekorative Narben, Keith Richards und ein Leben auf dem Kiez.

Der erste Eindruck von Kalle Schwensen ist schmerzhaft: Sein HĂ€ndedruck ist fest, sehr fest. Im Taxi fĂ€hrt die KiezgrĂ¶ĂŸe und Vorzeige-Zwielichtgestalt vor dem Hamburger Michel vor. Wir gehen in das Restaurant auf der anderen Straßenseite, den "Old Commercial Room". FĂŒr Schwensen öffnet der Wirt exklusiv die oberste Etage: viel Rot, viel Samt, viel PlĂŒsch, Fotos von Hamburger GrĂ¶ĂŸen an der Wand, eine bunt beleuchtete und gut ausgestattete Bar, weiße Siebzigerjahre-Schalensessel. "Hier sind wir ungestört", sagt Schwensen.

FĂŒnf Stunden wird die Reeperbahn-Legende erzĂ€hlen – wĂ€hrend Schwensen dabei ordentlich aus der KĂŒche auffahren lĂ€sst. Er erzĂ€hlt von seinem Leben, von den Rolling Stones, Moritz Bleibtreu und anderen. Er hat ein GedĂ€chtnis wie ein Elefant, weiß genau, wann er was gemacht hat, mit wem er gegessen, wer gezahlt hat oder eben auch nicht. Im GesprĂ€ch nennt er auch die Summe, die er fĂŒr ein von ihm geschriebenes Drehbuch bekommen hat. Wir dĂŒrfen sie hier nicht nennen, aber: nicht schlecht! Also, auf ins GesprĂ€ch!

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Herr Schwensen, was halten Sie als KiezgrĂ¶ĂŸe von der MeToo-Debatte ĂŒber sexuelle BelĂ€stigung?

Kalle Schwensen: Gar nichts. Wenn eine Frau nach mehr als 25 Jahren plötzlich anfÀngt, von BelÀstigung oder Vergewaltigung zu erzÀhlen, dann kriege ich die Krise.

Ach.

Über sexuellen Missbrauch mĂŒssen wir nicht diskutieren: Das gehört sich nicht! Wenn aber nach so vielen Jahren plötzlich VorwĂŒrfe gegen jemanden erhoben werden, kann ich das nicht mehr ernst nehmen. Dann geht es nicht mehr um die Sache. Nehmen Sie die Geschichte mit Dustin Hoffman: Er steht in der Kritik, weil er irgendwann anzĂŒgliche Bemerkungen gemacht haben soll. Ich mache bei jeder gut aussehenden Kellnerin anzĂŒgliche SprĂŒche. Wenn ich das nicht tue, ist sie beleidigt, weil sie dann glaubt, sie sĂ€he scheiße aus.

Es ist doch ein Unterschied, ob man ein Kompliment bekommt oder aber beleidigt oder zu etwas genötigt wird.

Ein Beispiel ist auch Kevin Spacey. Als er 27 Jahre alt war, hat er sich in einen 14-JĂ€hrigen verguckt und sich zu ihm ins Bett gelegt. Als der dann aber Nein gesagt hat, ist er wieder gegangen. Dass Spacey deswegen mehr als 20 Jahre spĂ€ter aus einem Film herausgeschnitten wird, halte ich fĂŒr eine Frechheit.

Das ist ja nicht das Einzige, was man Spacey vorwirft. Er soll ĂŒber Jahre MĂ€nner an Filmsets und am Londoner Theater "Old Vic" belĂ€stigt haben – auch beim letzten Dreh von "House of Cards" soll er bei verschiedenen Mitarbeitern seine Machtposition ausgenutzt haben.

Sogenannten Zeugen, die jahrelang schweigen und, wenn es stimmt, was sie behaupten, so zugelassen haben, dass andere Personen missbraucht wurden, denen schenken Sie Glauben, das ist Ihr gutes Recht. Ich nehme mir die Freiheit, solchen Leuten nicht alles zu glauben, was sie nun behaupten, nur weil es gerade en vogue ist, Kevin Spacey zu verteufeln.

Karl-Heinz "Kalle" Schwensen wurde 1953 als Sohn eines US-Soldaten in Oberfranken geboren. Als ZwölfjĂ€hriger zog er mit seinen Eltern nach Hamburg. Dort wurde Schwensen Diskothekenbetreiber mit dem "B SIR' S" und dem "Top Ten". SpĂ€ter managte er die Band "Tic Tac Toe" und trat in Fernsehserien auf. Auf seiner Visitenkarte ist sein Motto abgedruckt: "Taking Care of Business", frei ĂŒbersetzt: "Ich kĂŒmmere mich ums GeschĂ€ft".

Vielleicht haben die betroffenen Frauen und MÀnner aus Scham und Angst vor der Macht der BelÀstiger so lange geschwiegen. Machen Sie ihnen das zum Vorwurf?

Nee. Aber es ist so viel Scheinheiligkeit heute, auch in den Medien. Viele Tageszeitungen wĂŒrden ohne die ganzen Kleinanzeigen der illegalen Wohnungsprostituierten gar nicht mehr existieren. Das ist nichts anderes als Förderung illegaler Prostitution. Welches Recht haben sie, sich darĂŒber aufzuregen? Die Presse ist voll mit Bildern von nackten Frauen – und zugleich behaupten sie, dass man niemandem ein anzĂŒgliches Kompliment machen darf.

ErklÀren Sie doch bitte nÀher, wie Sie das meinen.

Zu meiner Zeit, in den Siebzigern, war der Traumberuf von Frauen Stewardess oder Fotomodel. Heute ist es Fußballer-Frau. Hauptsache, der Mann hat Geld – Ă€hnlich denken auch Huren. Nehmen Sie die Show "Der Bachelor" auf RTL: Das ist praktisch ein Puff. Frauen buhlen um einen Typen und sind bereit, alles zu machen, weil es sonst fĂŒr sie nicht weitergeht. Umgekehrt sind die HĂ€hne genauso. Wie soll man vermitteln, dass man sich Frauen in der Diskothek nicht ungebĂŒhrlich nĂ€hert, wenn sich im Fernsehen gleichzeitig zwölf Frauen hemmungslos auf einen Typen stĂŒrzen. Das ist völlig verdreht.

Aber keine Rechtfertigung dafĂŒr, dass einige MĂ€nner ihre Macht gegenĂŒber Frauen ausnutzen.

Das ist alles ein bisschen hochgekocht. Es gab immer sexuelle Übergriffe, es wird immer sexuelle Übergriffe geben. Aber es sind viel weniger geworden, weil die Menschen immer freier mit der SexualitĂ€t umgehen. In Diskotheken reißen Frauen heute MĂ€nner genauso auf wie MĂ€nner Frauen.

Sind Sie selbst einmal gewalttĂ€tig gegenĂŒber einer Frau geworden?

Nein, ich war ja auch nie ZuhĂ€lter. Ich schlage keine Frauen, ich bin kein Sadist. Wenn mich an einer etwas nervt, dann trenne ich mich. Ich habe eine klare Linie: Wenn Frauen das nicht mögen, was ich will, dann sollen sie woanders hingehen. Es gibt ĂŒber drei Milliarden MĂ€nner auf der Welt, da wird es immer einen geben, der ihre Sperenzchen mitmacht. Und dann gibt es noch mal die gleiche Anzahl an Frauen, von denen sicher einige auch meine Sperenzchen mitmachen. Ich fange zum Beispiel nichts mit Frauen unter 25 an.

Kalle Schwensen beim Interview im "Old Commercial Room" in Hamburg.
Kalle Schwensen beim Interview im "Old Commercial Room" in Hamburg. (Quelle: RĂŒdiger Schmitz-Normann/T-Online-bilder)

Sie ecken gerne an, oder?

Ich wĂ€re langweilig, wenn ich nicht polarisieren wĂŒrde. Ich bin kein Schauspieler, SĂ€nger oder Sportler. Ich muss keine Rollen bekommen, CDs verkaufen oder VertrĂ€ge mit Sponsoren einhalten. Ich bin mir sicher: Viele MĂ€nner haben eine Ă€hnliche Meinung wie ich: Sie Ă€ußern sie nur nicht öffentlich, weil solche Ansichten gerade nicht modern sind. Aber man darf heutzutage nicht schweigen.

Vorhin haben Sie ĂŒber Medien gesprochen. Woher beziehen Sie Ihre tĂ€glichen Informationen?

Ich lese fast alle Zeitungen und Zeitschriften online und informiere mich bei n-tv, RTL und diversen Nachrichtensendern.

Vertrauen Sie den Medien?

Ich vergleiche gerne. Mir geht zum Beispiel auf den Sack, wie einseitig die "Bild"-Zeitung ĂŒber den Nahost-Konflikt berichtet. Einfach, weil der alte Unternehmenschef Axel Springer seine Journalisten zur israelfreundlichen Berichterstattung verpflichtet hat.

Ihm war nach dem Krieg an einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen gelegen. Heute steht in den GrundsĂ€tzen des Verlages, dass das Existenzrecht des Staates Israel unterstĂŒtzt wird.

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Das ist ja auch zu befĂŒrworten. Aber dann darf man nicht mit zweierlei MaßstĂ€ben berichten. Wenn PalĂ€stinenser Israel attackieren, dann wird von Terror gesprochen, wenn die israelische Armee PalĂ€stina attackiert, dann wird von "Recht auf Selbstverteidigung" gesprochen. Diese zweierlei MaßstĂ€be sind Heuchelei pur! Das zu sagen, hat auch nichts mit Antisemitismus zu tun.

Sie scheinen sehr viel zu lesen. Ist das nicht ziemlich zeitaufwendig?

Ich schlafe nur drei oder vier Stunden pro Nacht. Ich lege mich nie vor fĂŒnf Uhr morgens hin und wache gegen Neun wieder auf.

Im eigenen Bett?

Da wollen wir uns mal nicht so genau festlegen.

Wie geht Ihr Tag dann weiter?

Ich bade jeden Morgen eine halbe Stunde. Vielleicht schlafe ich deshalb auch so wenig. Eine halbe Stunde Badewanne entspricht etwa zwei Stunden Schlaf. Dann kommt das FrĂŒhstĂŒck und ich ĂŒberlege mir, was ich zu tun habe. Ich genieße einfach den Luxus, Zeit zu haben.

Apropos Luxus: Warum schlafen Sie nicht einfach lÀnger?

Mein Tag könnte 48 Stunden haben, der wĂ€re immer noch zu kurz. Der Gedanke an acht Stunden Schlaf: Da wĂŒrde ich mir die Kugel geben. Das Geheimnis lautet, dass ich keinen Alkohol trinke, nicht rauche und keine Drogen nehme. Alles was Sauerstoff verbraucht und mĂŒde macht, vermeide ich. So kann ich mich zum Beispiel nachts hinsetzen und alle möglichen Medien lesen. Und bilde mir aus all den Informationen eine eigene Meinung. Ganz anders als ein NormalbĂŒrger. Der hat seinen Acht-Stunden-Arbeitstag, Stress, Familie und Hobbys. Vielleicht auch noch eine Geliebte.

Und?

Da bleibt keine Zeit mehr, neben der BewÀltigung des Alltags noch einen ausgeruhten Blick auf die Welt zu werfen.

Auf Facebook teilen Sie Ihre ausgeruhte Meinung auch der Öffentlichkeit deutlich mit. Die AbkĂŒrzung "GroKo" haben Sie als "großes Kotzen" bezeichnet.

Klar. Nehmen Sie Martin Schulz. Der hat seinen eigenen Leuten von der SPD als Erfolg verkauft, dass im Sondierungspapier mit der CDU das Rentenniveau in Höhe von 48 Prozent garantiert wurde. Im staatlichen Rentenbericht stand allerdings schon vorher, dass nicht vor dem Jahr 2024 mit einer Absenkung auf unter 48 Prozent zu rechnen sei. Wo ist also der Erfolg?

Ein SPD-AnhÀnger sind Sie also eher nicht. Wen haben Sie denn bei der letzten Bundestagswahl gewÀhlt?

Die Linkspartei. Sahra Wagenknecht ist fĂŒr mich die profilierteste und seriöseste Politikerin in Deutschland. Sie bringt alles auf den Punkt und hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen.

Und was denken Sie ĂŒber die AfD?

Ich bin alles andere als ein AfD-AnhÀnger.

Sollte die AfD vom Verfassungsschutz beobachtet werden?

Wie gesagt, ich bin kein Freund der AfD. Man sollte sie aber nicht allein deswegen als rechtsradikal bezeichnen, weil sie anderen Parteien gefĂ€hrlich wird. Was man jetzt mit der AfD macht, hat man vor 30 Jahren mit den GrĂŒnen angestellt. Da hieß es, das wĂ€ren Terroristen und Kommunisten. Die fĂŒhrenden Parteien haben immer alles schlecht geredet, wenn sie Gefahr durch andere witterten. FĂŒhrende Mitglieder der Linkspartei stehen heute noch unter Beobachtung des Verfassungsschutzes, obwohl die Partei in verschiedenen BundeslĂ€ndern sogar an der Regierung beteiligt ist.

Das stimmt nicht. Die Überwachung wurde 2014 eingestellt.

Das ist kein Erfolg, sondern eine Schande! Denn es bedeutet, dass eine Partei, die seit 1998 in verschiedenen BundeslĂ€ndern an der Regierung beteiligt und im Bundestag vertreten ist, 16 Jahre lang vom Verfassungsschutz ĂŒberwacht wurde und dass ihre FĂŒhrungsleute bespitzelt wurden. Wie heißt noch dieser kleine eloquente Anwalt?

Gregor Gysi?

Genau. Der wurde jahrelang ĂŒberwacht. Wo ist da die Logik? Das ist reines Konkurrenzdenken der MĂ€chtigen. Eine Frau Merkel wird nicht ĂŒberwacht.

Genauer gesagt, ging es neben Gysi um ein Drittel von 27 Bundestagsabgeordneten der Linken. Als die Überwachung bekannt wurde, haben Politiker aller Fraktionen protestiert. Die damalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP bezeichnete die Überwachung als "unertrĂ€glich".

Der damalige Innenminister und heutige BundestagsprĂ€sident, Herr Wolfgang SchĂ€uble, hat noch 2008 die Fortsetzung der Überwachung durch den Verfassungsschutz angeordnet.

Ihrem Facebook-Profil entnehmen wir auch, dass Sie Angela Merkel nicht mögen. Wer könnte Ihrer Meinung nach den Job denn besser machen?

Wenn ich das schon höre. Sie glauben doch nicht, dass die Bundesrepublik am Ende ist, wenn Merkel morgen einen tödlichen Unfall hat. Das kleine Österreich macht es uns doch vor: Sebastian Kurz ist der jĂŒngste Regierungschef der Welt. Vorher war er mit 27 Jahren schon Außenminister. Unsere Bevölkerung in Deutschland ist zehnmal grĂ¶ĂŸer, da sollten sich doch ein paar junge Leute finden, die den Job gut machen können.

Halten Sie die Entscheidung Angela Merkels zur Aufnahme Hunderttausender FlĂŒchtlinge im Jahr 2015 fĂŒr richtig?

Nein, total falsch. Das war absolut unmöglich, das versteht keiner. Sie hat gegen das Schengen-Abkommen und alle EU-Richtlinien verstoßen.

Mit Verlaub, sie hat gegen keines dieser Abkommen verstoßen.

Mit Verlaub, dann zeigen Sie mir mal das Abkommen, wo steht, dass FlĂŒchtlinge, die ĂŒber ein gesichertes EU-Land nach Deutschland einreisen, sich nicht auszuweisen brauchen. Und auch nicht registrieren lassen mĂŒssen, falls sie ohne Ausweispapiere kommen –, sondern sich in Deutschland niederlassen können oder weiter nach Skandinavien reisen dĂŒrfen. Meiner Meinung nach wollte Angela Merkel einfach den Friedensnobelpreis kriegen.

Der Wunsch wÀre doch legitim.

Aber unser Sozialsystem geht den Bach runter. Jemand, der arbeitslos wird, muss um seine Kohle vom Amt kĂ€mpfen. Eine vierköpfige FlĂŒchtlingsfamilie bekommt automatisch 1.100 Euro Taschengeld im Monat. Da braucht sich niemand zu wundern, dass viele die AfD wĂ€hlen.

Von automatisch kann da nicht die Rede sein. In der Erstaufnahmeeinrichtung bekommt ein FlĂŒchtlingspaar monatelang nur 129 Euro monatlich pro Person zur Deckung persönlicher BedĂŒrfnisse, Kinder erhalten zwischen 84 und 92 Euro. Anerkannte FlĂŒchtlinge sind dann spĂ€ter deutschen Hartz-IV-EmpfĂ€ngern gleichgestellt.

Auch wenn je nach FlĂŒchtlingsstatus die BezĂŒge unterschiedlich sind, so ist es doch ein Automatismus.

ZurĂŒck zu Ihnen: Was machen Sie zurzeit beruflich?

Einen guten Eindruck.

Und sonst so?

Ich habe zum Beispiel die FĂŒhrungen durch die Sadomaso-Location "Das Verlies" auf dem Kiez initiiert.

Reicht das zum Leben?

Oh, "Das Verlies" hat seine Fans. Der Folterkeller ist mit so viel Liebe zum Detail gestaltet, es ist eine einzigartige Geschichte.

Sie haben mal gesagt, dass es kein GeschĂ€ft gibt, das Sie nicht machen wĂŒrden – außer Kinderpornografie und Rauschgift.

Stimmt. Ich habe zum Beispiel mal ein Drehbuch geschrieben.

ErzÀhlen Sie mehr.

Es ging um eine richtig harte Kiezgeschichte. Moritz Bleibtreu war fĂŒr die Hauptrolle vorgesehen. Das habe ich mit ihm per Handschlag ausgemacht. So etwas glaubt heute kein Mensch mehr, aber bei mir ist so etwas Alltag. Joseph Vilsmaier sollte Regie fĂŒhren.

Und warum haben wir den Film nie gesehen?

15 Jahre lang ging das hin und her. Drehbuch schreiben, Geldgeber finden, Regisseure, Schauspieler, etc. Aber das Projekt wird irgendwann realisiert werden.

Haben Sie denn wenigstens Geld gesehen?

Nicht zu knapp, das können Sie mir glauben.

War der harte Hund, der sich da durchschlÀgt, ihr Alter Ego?

Nicht ganz. Aber das ist die Welt, die ich kenne.

Kalle Schwensen mit dem Sportmoderator Kai Ebel 2006 beim Kampf von Axel Schulz gegen Brian Minto: Der Hamburger Schwensen war in seiner Jugend selbst Boxer.
Kalle Schwensen mit dem Sportmoderator Kai Ebel 2006 beim Kampf von Axel Schulz gegen Brian Minto: Der Hamburger Schwensen war in seiner Jugend selbst Boxer. (Quelle: ddp/ullstein-bild)

Das Austeilen haben Sie selbst in Ihrer Jugend gelernt. Sie waren Boxer.

Zwei Jahre lang habe ich als Amateur geboxt. Mein Ziel war Olympia 1972. Aber dann wurde ich kurz vor den AusscheidungskÀmpfen abgestochen. Ich lag drei Wochen im Krankenhaus und konnte sechs Wochen lang nicht aufrecht gehen. Zur gleichen Zeit war ich schon verlobt und so habe ich dann den Weg ins Disco-GeschÀft eingeschlagen.

Verletzungen haben Sie im Laufe der Jahre einige erlitten. Wie 1996 in einem Hamburger Restaurant, als Sie zwei Kugeln abkriegten.

Ich wurde angeschossen und hatte einen Lungensteckschuss. Ich wollte mich aber nicht auf den Boden legen, weil der nass war und bin rĂŒckwĂ€rts in ein Lokal rein und lag dann da. Als sie mich auf der Bahre raustrugen, stand da ein Polizist, der den Verkehr regeln sollte. Der sagte nur lachend: "Der Schwensen!" Ich machte das Peace-Zeichen und sagte: "Keine Panik, alles easy". Man muss immer darauf achten, dass die Fotos stimmen. HĂ€tte ich da mit schmerzverzerrtem Gesicht gelegen, wĂŒrde ich mir heute die Kugel geben.

Und Ihr Markenzeichen hatten Sie auch auf der Nase.

Bevor sie mich auf die Trage legten und rausbringen wollten, wollte ich meine verlorene Brille zurĂŒckhaben. Die SanitĂ€ter – die mir ĂŒbrigens das Leben gerettet haben – waren tierisch genervt, weil sie in dem Chaos suchen mussten. Aber egal: In welcher Situation auch immer, man darf nie die Contenance verlieren. Das ist mein oberstes Prinzip.

Wann setzen Sie die Sonnenbrille morgens auf?

Wenn ich aufstehe.

Es heißt, dass Sie sogar auf Ihrem FĂŒhrerschein Ihre Sonnenbrille tragen.

Na, klar. Auch auf dem Personalausweis.

Selbst auf seinen amtlichen Lichtbilddokumenten trÀgt Kalle Schwensen die obligatorische Sonnenbrille.
Selbst auf seinen amtlichen Lichtbilddokumenten trĂ€gt Kalle Schwensen die obligatorische Sonnenbrille. (Quelle: RĂŒdiger Schmitz-Normann/T-Online-bilder)

Wie schafft man das?

Reichen Sie einfach ein Foto mit Sonnenbrille ein. Hat bei mir geklappt.

Um Ihren FĂŒhrerschein lieferten Sie sich einen jahrelangen Kampf mit der Hamburger Justiz.

Und der ist immer noch nicht zu Ende. Kurz vor Weihnachten 2010 musste ich meinen FĂŒhrerschein abgeben. 25 von 18 möglichen Punkten in Flensburg. Das Übliche: zu schnell, Fahren ohne Gurt und Telefonieren am Steuer. Dann kam der Vorwurf, dass ich Anfang Februar 2011 am Abend ohne FĂŒhrerschein gefahren sein soll. Das hĂ€tten zwei Polizisten in Zivil aus einer gewissen Entfernung beobachtet. Mein Anwalt fragte spĂ€ter den einen Beamten, woher er denn wissen wollte, dass ich das gewesen sei. Der sagte nur: "Ich kenne nur zwei MĂ€nner, die nachts eine Sonnenbrille tragen. Heino und Kalle Schwensen. Und Heino war es nicht." 11.000 Euro Geldstrafe und weitere neun Monate ohne FĂŒhrerschein lautete das Urteil.

Das haben Sie aber nicht akzeptiert.

Es gibt einen Bekannten, der hĂ€ufig mit mir verwechselt wird. Den habe ich gebeten, sich einen Anzug anzuziehen und eine Sonnenbrille aufzusetzen. Ich habe mir wiederum den Bart abrasiert und die Brille abgenommen. Mein Anwalt ging dann in den Gerichtssaal, mein Freund zeigte sich nur kurz an der TĂŒr und ist dann wieder verschwunden. Ich selbst bin wenig spĂ€ter in Parka, Pullover und ohne Brille reinmarschiert und habe mich neben meinen Anwalt gesetzt.

Und dann?

Nach sechs Minuten fragte die ProtokollfĂŒhrerin, ob der Angeklagte schon da sei. Und mein Anwalt erklĂ€rte natĂŒrlich, dass der Angeklagte, also ich, genau neben ihm sĂ€ĂŸe. Danach kam die Richterin rein. Sie musterte mich und sagte fragend zur StaatsanwĂ€ltin, sie habe gehört, dass Herr Schwensen kurz in der TĂŒr gestanden hĂ€tte und wieder gegangen sei, ob sie dazu etwas sagen könne. Sowohl die StaatsanwĂ€ltin als auch die ProtokollfĂŒhrerin waren ĂŒberzeugt, dass der andere Mann mit Anzug und Sonnenbrille Kalle Schwensen gewesen wĂ€re.

Und was ist mit Ihnen passiert?

Die Richterin hat mich gefragt, wer ich denn sei und ob ich mich ausweisen könne. Mein Anwalt bestĂ€tigte natĂŒrlich, dass ich Kalle Schwensen sei. Die Richterin unterbrach die Verhandlung und zog sich mit den Schöffen ins Richterzimmer zurĂŒck. Nach ca. 10 Minuten kam sie zurĂŒck in den Saal und verkĂŒndete: "FĂŒrs Protokoll: Ich habe eben auf dem Flur Herrn Schwensen erkannt und ihn angesprochen, er hat nicht geantwortet. Das Aussehen von Herrn Schwensen ist gerichtsbekannt. Dieser Herr hier ist nicht Herr Schwensen."Die ProtokollfĂŒhrerin forderte sie auf, Herrn Schwensen noch mal aufzurufen, die ProtokollfĂŒhrerin ging zur TĂŒr und rief dreimal meinen Namen in den Flur. Ich habe dann immer wieder gesagt: "Ja, hier bin ich". Dann hat mein Anwalt versucht, die Geschichte aufzuklĂ€ren und zu zeigen, wie leicht es ist, fĂŒr Kalle Schwensen gehalten zu werden.

Klingt absurd.

Aber obwohl mein Anwalt auf ausdrĂŒckliche Frage der Richterin "anwaltlich versicherte", dass ich Kalle Schwensen bin, hat die Richterin die Berufung verworfen, mit der BegrĂŒndung, ich sei nicht vor Gericht erschienen und hat die Verhandlung beendet. Ich sagte der Richterin, dass ich den Saal nicht verlasse, bevor meine IdentitĂ€t nicht festgestellt sei und dass es Rechtsbeugung und ein Skandal ist, was sie macht. Daraufhin verließ sie den Saal.

Axel Milberg (li.), Kalle Schwensen und Heiner Lauterbach (re.) 2014 bei einer Preisverleihung: Der Hamburger Schwensen kennt zahlreiche Prominente.
Axel Milberg (li.), Kalle Schwensen und Heiner Lauterbach (re.) 2014 bei einer Preisverleihung: Der Hamburger Schwensen kennt zahlreiche Prominente. (Quelle: Eventpress Schraps/dpa-bilder)

Und dann?

Die ProtokollfĂŒhrerin hatte mittlerweile den Alarmknopf gedrĂŒckt. Polizei- und Justizbeamte kamen herein: Und blieben erst einmal stehen. Die anwesenden Journalisten hatten eine Keilerei erwartet und riefen die Fotografen in den Saal. Das habe ich genutzt, um meine unverwechselbaren Narben als Beweis fotografieren zu lassen.

Und wie ging die Geschichte aus?

Am nĂ€chsten Tag erklĂ€rte der Sprecher des Landgerichts, dass man sich nicht wundern dĂŒrfe, wenn man verkleidet vor Gericht erscheint und dann nicht entsprechend erkannt wird. Also wie Gott mich schuf, rasiert und ohne Sonnenbrille, bin ich verkleidet: Das habe ich jetzt offiziell. Ende 2014 habe ich immerhin meinen FĂŒhrerschein wiederbekommen. Aber der Prozess ist auch nach mehr als sieben Jahren noch immer nicht beendet.

Sie sind als Freund der Geschwindigkeit am Steuer bekannt. Hatten Sie eigentlich auch mal Ärger wegen Alkohol?

Nein. Wie gesagt, ich war nie jemand, der viel getrunken hat. Ich hatte damals auch spÀt damit angefangen.

Was war denn Ihr LieblingsgetrÀnk?

Bourbon-Whiskey. Meinen ersten habe ich 1973 mit Keith Richards von den Rolling Stones getrunken.

Wie haben Sie die Rolling Stones kennengelernt?

Über den legendĂ€ren Konzertveranstalter Fritz Rau. Ich war 1973 beim Konzert der Stones in Hamburg. Rau, den ich schon von einem Konzert von Chuck Berry kannte, hatte mich spontan gebeten, aufzupassen und niemanden in den Backstage-Bereich zu lassen. Da stand dann auf einmal ein kleiner Mann. Es war Keith Richards. Er sah total verkommen aus: Er hatte Oberschenkel wie meine Unterarme und nur wenige ZĂ€hne.

Kamen Sie gut miteinander aus?

Klaro, spĂ€ter sind wir zusammen losgezogen. Keith Richards, Mick Jagger und die anderen Jungs und ich. Es ging zum "Blauen Satelliten", der damaligen Top-Diskothek im selben Hotel, in dem die Stones wohnten. Der TĂŒrsteher musterte uns, deutete auf den Drummer Charlie Watts und sagte: "Du kannst reinkommen". Watts war von uns der Einzige, der reindurfte, er trug nĂ€mlich eine Krawatte. Das muss man sich mal vorstellen, die Rolling Stones durften nicht rein.

Sie haben einmal gesagt: "Andere haben TÀtowierungen, ich habe Narben." Gelten Narben in Ihren Kreisen als mÀnnlich?

Ich finde meine Narben nicht sexy, die sind einfach da. Als ich in einer Diskothek abgestochen wurde, ins Gesicht, den Oberarm und Bauch, habe ich den chefhabenden Arzt im OP gebeten, kleine Stiche beim NĂ€hen zu machen. Wenn die Ärzte ihnen in der Eile das Leben retten wollen, machen die einen groben Kreuzstich beim NĂ€hen. Als junger Bengel ist man ja eitel und grobe Kreuzstiche sehen scheiße aus.

Am kommenden Donnerstag werden Sie 65 Jahre alt. Sie haben in Ihrem Leben wohl alles Menschliche gesehen. Ist der Mensch gut oder böse?

Menschen werden von ihrer Umwelt, von ihren Bekannten und Freunden geprÀgt. Mal sind sie gut, mal sind sie schlecht, mal sind sie nett, mal sind sie hÀsslich.

Wie alt wollen Sie werden?
300 Jahre sind schon mein Ziel. Und wenn man die momentane Entwicklung in der Medizin beobachtet, auch nicht unrealistisch. Eine Herzverpflanzung hielt man auch fĂŒr unmöglich.

Also bleiben Sie uns noch lange erhalten.

Sterben ist out. FĂŒr so einen Quatsch habe ich gar keine Zeit. Sie lachen jetzt, aber ich sage Ihnen, die Unsterblichkeit wird in den nĂ€chsten 20 Jahren zum Regelfall. Medizin und Technik sind hervorragend. Nehmen Sie die Arterienverkalkung, das war frĂŒher ein Todesurteil. Heutzutage kriegen sie eine Spritze, dadurch rast ein kleiner Roboter in die Adern, frĂ€st sich durch und löst sich dann in Wohlgefallen auf. In 15 Jahren wird es Dinge geben, die wir uns heute nicht einmal vorstellen können.

DafĂŒr muss man auch gut gucken können. Welches Modell von Ray Ban tragen Sie eigentlich?

Das ist eine "General". Die wurde zum 50. JubilĂ€um von Ray Ban in den Achtzigerjahren hergestellt. Davon haben sie eine Sonderedition rausgebracht mit einer Auflage von 5.000 StĂŒck weltweit. Hier in Hamburg gab es zwei StĂŒck zu kaufen. Die eine davon habe ich hier auf der Nase.

Und die andere?

Die liegt bei mir zu Hause in der Schublade.

Herr Schwensen, wir danken fĂŒr das GesprĂ€ch.

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