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Kalle Schwensen: Hamburger Kiezgröße über Groko, MeToo und Scheinheiligkeit

Das Sonntagsgespräch: Kiezgröße Kalle Schwensen  

"Sterben ist out. Für so einen Quatsch habe ich keine Zeit"

Von Marc von Lüpke, Rüdiger Schmitz-Normann

26.08.2018, 08:58 Uhr
Kalle Schwensen: Hamburger Kiezgröße über Groko, MeToo und Scheinheiligkeit. Kalle Schwensen: Eine Szene aus dem Film "So was von da", in dem die Kiez-Größe mitspielt. (Quelle: DCM Filmdistribution) (Quelle: (Quelle: DCM Filmdistribution))

Kalle Schwensen: Eine Szene aus dem Film "So was von da", in dem die Kiez-Größe mitspielt. (Quelle: (Quelle: DCM Filmdistribution))

Karl-Heinz "Kalle" Schwensen, gerade im Drama "So was von da" im Kino zu sehen, ist eine Institution auf der Hamburger Reeperbahn. Am kommenden Donnerstag wird er 65 Jahre alt. Ein Gespräch über MeToo, Flüchtlinge und die AfD, dekorative Narben, Keith Richards und ein Leben auf dem Kiez.

Der erste Eindruck von Kalle Schwensen ist schmerzhaft: Sein Händedruck ist fest, sehr fest. Im Taxi fährt die Kiezgröße und Vorzeige-Zwielichtgestalt vor dem Hamburger Michel vor. Wir gehen in das Restaurant auf der anderen Straßenseite, den "Old Commercial Room". Für Schwensen öffnet der Wirt exklusiv die oberste Etage: viel Rot, viel Samt, viel Plüsch, Fotos von Hamburger Größen an der Wand, eine bunt beleuchtete und gut ausgestattete Bar, weiße Siebzigerjahre-Schalensessel. "Hier sind wir ungestört", sagt Schwensen.

Fünf Stunden wird die Reeperbahn-Legende erzählen – während Schwensen dabei ordentlich aus der Küche auffahren lässt. Er erzählt von seinem Leben, von den Rolling Stones, Moritz Bleibtreu und anderen. Er hat ein Gedächtnis wie ein Elefant, weiß genau, wann er was gemacht hat, mit wem er gegessen, wer gezahlt hat oder eben auch nicht. Im Gespräch nennt er auch die Summe, die er für ein von ihm geschriebenes Drehbuch bekommen hat. Wir dürfen sie hier nicht nennen, aber: nicht schlecht! Also, auf ins Gespräch!

Herr Schwensen, was halten Sie als Kiezgröße von der MeToo-Debatte über sexuelle Belästigung?

Kalle Schwensen: Gar nichts. Wenn eine Frau nach mehr als 25 Jahren plötzlich anfängt, von Belästigung oder Vergewaltigung zu erzählen, dann kriege ich die Krise.

Ach.

Über sexuellen Missbrauch müssen wir nicht diskutieren: Das gehört sich nicht! Wenn aber nach so vielen Jahren plötzlich Vorwürfe gegen jemanden erhoben werden, kann ich das nicht mehr ernst nehmen. Dann geht es nicht mehr um die Sache. Nehmen Sie die Geschichte mit Dustin Hoffman: Er steht in der Kritik, weil er irgendwann anzügliche Bemerkungen gemacht haben soll. Ich mache bei jeder gut aussehenden Kellnerin anzügliche Sprüche. Wenn ich das nicht tue, ist sie beleidigt, weil sie dann glaubt, sie sähe scheiße aus.

Es ist doch ein Unterschied, ob man ein Kompliment bekommt oder aber beleidigt oder zu etwas genötigt wird.

Ein Beispiel ist auch Kevin Spacey. Als er 27 Jahre alt war, hat er sich in einen 14-Jährigen verguckt und sich zu ihm ins Bett gelegt. Als der dann aber Nein gesagt hat, ist er wieder gegangen. Dass Spacey deswegen mehr als 20 Jahre später aus einem Film herausgeschnitten wird, halte ich für eine Frechheit.

Das ist ja nicht das Einzige, was man Spacey vorwirft. Er soll über Jahre Männer an Filmsets und am Londoner Theater "Old Vic" belästigt haben – auch beim letzten Dreh von "House of Cards" soll er bei verschiedenen Mitarbeitern seine Machtposition ausgenutzt haben.

Sogenannten Zeugen, die jahrelang schweigen und, wenn es stimmt, was sie behaupten, so zugelassen haben, dass andere Personen missbraucht wurden, denen schenken Sie Glauben, das ist Ihr gutes Recht. Ich nehme mir die Freiheit, solchen Leuten nicht alles zu glauben, was sie nun behaupten, nur weil es gerade en vogue ist, Kevin Spacey zu verteufeln.

Karl-Heinz "Kalle" Schwensen wurde 1953 als Sohn eines US-Soldaten in Oberfranken geboren. Als Zwölfjähriger zog er mit seinen Eltern nach Hamburg. Dort wurde Schwensen Diskothekenbetreiber mit dem "B SIR' S" und dem "Top Ten". Später managte er die Band "Tic Tac Toe" und trat in Fernsehserien auf. Auf seiner Visitenkarte ist sein Motto abgedruckt: "Taking Care of Business", frei übersetzt: "Ich kümmere mich ums Geschäft".

Vielleicht haben die betroffenen Frauen und Männer aus Scham und Angst vor der Macht der Belästiger so lange geschwiegen. Machen Sie ihnen das zum Vorwurf?

Nee. Aber es ist so viel Scheinheiligkeit heute, auch in den Medien. Viele Tageszeitungen würden ohne die ganzen Kleinanzeigen der illegalen Wohnungsprostituierten gar nicht mehr existieren. Das ist nichts anderes als Förderung illegaler Prostitution. Welches Recht haben sie, sich darüber aufzuregen? Die Presse ist voll mit Bildern von nackten Frauen – und zugleich behaupten sie, dass man niemandem ein anzügliches Kompliment machen darf.

Erklären Sie doch bitte näher, wie Sie das meinen.

Zu meiner Zeit, in den Siebzigern, war der Traumberuf von Frauen Stewardess oder Fotomodel. Heute ist es Fußballer-Frau. Hauptsache, der Mann hat Geld – ähnlich denken auch Huren. Nehmen Sie die Show "Der Bachelor" auf RTL: Das ist praktisch ein Puff. Frauen buhlen um einen Typen und sind bereit, alles zu machen, weil es sonst für sie nicht weitergeht. Umgekehrt sind die Hähne genauso. Wie soll man vermitteln, dass man sich Frauen in der Diskothek nicht ungebührlich nähert, wenn sich im Fernsehen gleichzeitig zwölf Frauen hemmungslos auf einen Typen stürzen. Das ist völlig verdreht.

Aber keine Rechtfertigung dafür, dass einige Männer ihre Macht gegenüber Frauen ausnutzen.

Das ist alles ein bisschen hochgekocht. Es gab immer sexuelle Übergriffe, es wird immer sexuelle Übergriffe geben. Aber es sind viel weniger geworden, weil die Menschen immer freier mit der Sexualität umgehen. In Diskotheken reißen Frauen heute Männer genauso auf wie Männer Frauen.

Sind Sie selbst einmal gewalttätig gegenüber einer Frau geworden?

Nein, ich war ja auch nie Zuhälter. Ich schlage keine Frauen, ich bin kein Sadist. Wenn mich an einer etwas nervt, dann trenne ich mich. Ich habe eine klare Linie: Wenn Frauen das nicht mögen, was ich will, dann sollen sie woanders hingehen. Es gibt über drei Milliarden Männer auf der Welt, da wird es immer einen geben, der ihre Sperenzchen mitmacht. Und dann gibt es noch mal die gleiche Anzahl an Frauen, von denen sicher einige auch meine Sperenzchen mitmachen. Ich fange zum Beispiel nichts mit Frauen unter 25 an.

Kalle Schwensen beim Interview im "Old Commercial Room" in Hamburg. (Quelle: t-online.de/Rüdiger Schmitz-Normann)Kalle Schwensen beim Interview im "Old Commercial Room" in Hamburg. (Quelle: Rüdiger Schmitz-Normann/t-online.de)

Sie ecken gerne an, oder?

Ich wäre langweilig, wenn ich nicht polarisieren würde. Ich bin kein Schauspieler, Sänger oder Sportler. Ich muss keine Rollen bekommen, CDs verkaufen oder Verträge mit Sponsoren einhalten. Ich bin mir sicher: Viele Männer haben eine ähnliche Meinung wie ich: Sie äußern sie nur nicht öffentlich, weil solche Ansichten gerade nicht modern sind. Aber man darf heutzutage nicht schweigen.

Vorhin haben Sie über Medien gesprochen. Woher beziehen Sie Ihre täglichen Informationen?

Ich lese fast alle Zeitungen und Zeitschriften online und informiere mich bei n-tv, RTL und diversen Nachrichtensendern.

Vertrauen Sie den Medien?

Ich vergleiche gerne. Mir geht zum Beispiel auf den Sack, wie einseitig die "Bild"-Zeitung über den Nahost-Konflikt berichtet. Einfach, weil der alte Unternehmenschef Axel Springer seine Journalisten zur israelfreundlichen Berichterstattung verpflichtet hat.

Ihm war nach dem Krieg an einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen gelegen. Heute steht in den Grundsätzen des Verlages, dass das Existenzrecht des Staates Israel unterstützt wird.

Das ist ja auch zu befürworten. Aber dann darf man nicht mit zweierlei Maßstäben berichten. Wenn Palästinenser Israel attackieren, dann wird von Terror gesprochen, wenn die israelische Armee Palästina attackiert, dann wird von "Recht auf Selbstverteidigung" gesprochen. Diese zweierlei Maßstäbe sind Heuchelei pur! Das zu sagen, hat auch nichts mit Antisemitismus zu tun.

Sie scheinen sehr viel zu lesen. Ist das nicht ziemlich zeitaufwendig?

Ich schlafe nur drei oder vier Stunden pro Nacht. Ich lege mich nie vor fünf Uhr morgens hin und wache gegen Neun wieder auf.

Im eigenen Bett?

Da wollen wir uns mal nicht so genau festlegen.

Kalle Schwensen: Der Trailer zum Film "So was von da", in dem die Kiez-Größe mitspielt. (Quelle: DCM Filmdistribution)

Wie geht Ihr Tag dann weiter?

Ich bade jeden Morgen eine halbe Stunde. Vielleicht schlafe ich deshalb auch so wenig. Eine halbe Stunde Badewanne entspricht etwa zwei Stunden Schlaf. Dann kommt das Frühstück und ich überlege mir, was ich zu tun habe. Ich genieße einfach den Luxus, Zeit zu haben.

Apropos Luxus: Warum schlafen Sie nicht einfach länger?

Mein Tag könnte 48 Stunden haben, der wäre immer noch zu kurz. Der Gedanke an acht Stunden Schlaf: Da würde ich mir die Kugel geben. Das Geheimnis lautet, dass ich keinen Alkohol trinke, nicht rauche und keine Drogen nehme. Alles was Sauerstoff verbraucht und müde macht, vermeide ich. So kann ich mich zum Beispiel nachts hinsetzen und alle möglichen Medien lesen. Und bilde mir aus all den Informationen eine eigene Meinung. Ganz anders als ein Normalbürger. Der hat seinen Acht-Stunden-Arbeitstag, Stress, Familie und Hobbys. Vielleicht auch noch eine Geliebte.

Und?

Da bleibt keine Zeit mehr, neben der Bewältigung des Alltags noch einen ausgeruhten Blick auf die Welt zu werfen.

Auf Facebook teilen Sie Ihre ausgeruhte Meinung auch der Öffentlichkeit deutlich mit. Die Abkürzung "GroKo" haben Sie als "großes Kotzen" bezeichnet.

Klar. Nehmen Sie Martin Schulz. Der hat seinen eigenen Leuten von der SPD als Erfolg verkauft, dass im Sondierungspapier mit der CDU das Rentenniveau in Höhe von 48 Prozent garantiert wurde. Im staatlichen Rentenbericht stand allerdings schon vorher, dass nicht vor dem Jahr 2024 mit einer Absenkung auf unter 48 Prozent zu rechnen sei. Wo ist also der Erfolg?

Ein SPD-Anhänger sind Sie also eher nicht. Wen haben Sie denn bei der letzten Bundestagswahl gewählt?

Die Linkspartei. Sahra Wagenknecht ist für mich die profilierteste und seriöseste Politikerin in Deutschland. Sie bringt alles auf den Punkt und hat sich nie etwas zuschulden kommen lassen.

Und was denken Sie über die AfD?

Ich bin alles andere als ein AfD-Anhänger.

Sollte die AfD vom Verfassungsschutz beobachtet werden?

Wie gesagt, ich bin kein Freund der AfD. Man sollte sie aber nicht allein deswegen als rechtsradikal bezeichnen, weil sie anderen Parteien gefährlich wird. Was man jetzt mit der AfD macht, hat man vor 30 Jahren mit den Grünen angestellt. Da hieß es, das wären Terroristen und Kommunisten. Die führenden Parteien haben immer alles schlecht geredet, wenn sie Gefahr durch andere witterten. Führende Mitglieder der Linkspartei stehen heute noch unter Beobachtung des Verfassungsschutzes, obwohl die Partei in verschiedenen Bundesländern sogar an der Regierung beteiligt ist.

Das stimmt nicht. Die Überwachung wurde 2014 eingestellt.

Das ist kein Erfolg, sondern eine Schande! Denn es bedeutet, dass eine Partei, die seit 1998 in verschiedenen Bundesländern an der Regierung beteiligt und im Bundestag vertreten ist, 16 Jahre lang vom Verfassungsschutz überwacht wurde und dass ihre Führungsleute bespitzelt wurden. Wie heißt noch dieser kleine eloquente Anwalt?

Gregor Gysi?

Genau. Der wurde jahrelang überwacht. Wo ist da die Logik? Das ist reines Konkurrenzdenken der Mächtigen. Eine Frau Merkel wird nicht überwacht.

Genauer gesagt, ging es neben Gysi um ein Drittel von 27 Bundestagsabgeordneten der Linken. Als die Überwachung bekannt wurde, haben Politiker aller Fraktionen protestiert. Die damalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP bezeichnete die Überwachung als "unerträglich".

Der damalige Innenminister und heutige Bundestagspräsident, Herr Wolfgang Schäuble, hat noch 2008 die Fortsetzung der Überwachung durch den Verfassungsschutz angeordnet.

Ihrem Facebook-Profil entnehmen wir auch, dass Sie Angela Merkel nicht mögen. Wer könnte Ihrer Meinung nach den Job denn besser machen?

Wenn ich das schon höre. Sie glauben doch nicht, dass die Bundesrepublik am Ende ist, wenn Merkel morgen einen tödlichen Unfall hat. Das kleine Österreich macht es uns doch vor: Sebastian Kurz ist der jüngste Regierungschef der Welt. Vorher war er mit 27 Jahren schon Außenminister. Unsere Bevölkerung in Deutschland ist zehnmal größer, da sollten sich doch ein paar junge Leute finden, die den Job gut machen können.

Halten Sie die Entscheidung Angela Merkels zur Aufnahme Hunderttausender Flüchtlinge im Jahr 2015 für richtig?

Nein, total falsch. Das war absolut unmöglich, das versteht keiner. Sie hat gegen das Schengen-Abkommen und alle EU-Richtlinien verstoßen.

Mit Verlaub, sie hat gegen keines dieser Abkommen verstoßen.

Mit Verlaub, dann zeigen Sie mir mal das Abkommen, wo steht, dass Flüchtlinge, die über ein gesichertes EU-Land nach Deutschland einreisen, sich nicht auszuweisen brauchen. Und auch nicht registrieren lassen müssen, falls sie ohne Ausweispapiere kommen –, sondern sich in Deutschland niederlassen können oder weiter nach Skandinavien reisen dürfen. Meiner Meinung nach wollte Angela Merkel einfach den Friedensnobelpreis kriegen.

Der Wunsch wäre doch legitim.

Aber unser Sozialsystem geht den Bach runter. Jemand, der arbeitslos wird, muss um seine Kohle vom Amt kämpfen. Eine vierköpfige Flüchtlingsfamilie bekommt automatisch 1.100 Euro Taschengeld im Monat. Da braucht sich niemand zu wundern, dass viele die AfD wählen.

Von automatisch kann da nicht die Rede sein. In der Erstaufnahmeeinrichtung bekommt ein Flüchtlingspaar monatelang nur 129 Euro monatlich pro Person zur Deckung persönlicher Bedürfnisse, Kinder erhalten zwischen 84 und 92 Euro. Anerkannte Flüchtlinge sind dann später deutschen Hartz-IV-Empfängern gleichgestellt.

Auch wenn je nach Flüchtlingsstatus die Bezüge unterschiedlich sind, so ist es doch ein Automatismus.

Zurück zu Ihnen: Was machen Sie zurzeit beruflich?

Einen guten Eindruck.

Und sonst so?

Ich habe zum Beispiel die Führungen durch die Sadomaso-Location "Das Verlies" auf dem Kiez initiiert.

Reicht das zum Leben?

Oh, "Das Verlies" hat seine Fans. Der Folterkeller ist mit so viel Liebe zum Detail gestaltet, es ist eine einzigartige Geschichte.

Sie haben mal gesagt, dass es kein Geschäft gibt, das Sie nicht machen würden – außer Kinderpornografie und Rauschgift.

Stimmt. Ich habe zum Beispiel mal ein Drehbuch geschrieben.

Erzählen Sie mehr.

Es ging um eine richtig harte Kiezgeschichte. Moritz Bleibtreu war für die Hauptrolle vorgesehen. Das habe ich mit ihm per Handschlag ausgemacht. So etwas glaubt heute kein Mensch mehr, aber bei mir ist so etwas Alltag. Joseph Vilsmaier sollte Regie führen.

Und warum haben wir den Film nie gesehen?

15 Jahre lang ging das hin und her. Drehbuch schreiben, Geldgeber finden, Regisseure, Schauspieler, etc. Aber das Projekt wird irgendwann realisiert werden.

Haben Sie denn wenigstens Geld gesehen?

Nicht zu knapp, das können Sie mir glauben.

War der harte Hund, der sich da durchschlägt, ihr Alter Ego?

Nicht ganz. Aber das ist die Welt, die ich kenne.

Kalle Schwensen mit dem Sportmoderator Kai Ebel 2006 beim Kampf von Axel Schulz gegen Brian Minto: Der Hamburger Schwensen war in seiner Jugend selbst Boxer. (Quelle: ullstein bild/ddp)Kalle Schwensen mit dem Sportmoderator Kai Ebel 2006 beim Kampf von Axel Schulz gegen Brian Minto: Der Hamburger Schwensen war in seiner Jugend selbst Boxer. (Quelle: ddp/ullstein bild)

Das Austeilen haben Sie selbst in Ihrer Jugend gelernt. Sie waren Boxer.

Zwei Jahre lang habe ich als Amateur geboxt. Mein Ziel war Olympia 1972. Aber dann wurde ich kurz vor den Ausscheidungskämpfen abgestochen. Ich lag drei Wochen im Krankenhaus und konnte sechs Wochen lang nicht aufrecht gehen. Zur gleichen Zeit war ich schon verlobt und so habe ich dann den Weg ins Disco-Geschäft eingeschlagen.

Verletzungen haben Sie im Laufe der Jahre einige erlitten. Wie 1996 in einem Hamburger Restaurant, als Sie zwei Kugeln abkriegten.

Ich wurde angeschossen und hatte einen Lungensteckschuss. Ich wollte mich aber nicht auf den Boden legen, weil der nass war und bin rückwärts in ein Lokal rein und lag dann da. Als sie mich auf der Bahre raustrugen, stand da ein Polizist, der den Verkehr regeln sollte. Der sagte nur lachend: "Der Schwensen!" Ich machte das Peace-Zeichen und sagte: "Keine Panik, alles easy". Man muss immer darauf achten, dass die Fotos stimmen. Hätte ich da mit schmerzverzerrtem Gesicht gelegen, würde ich mir heute die Kugel geben.

Und Ihr Markenzeichen hatten Sie auch auf der Nase.

Bevor sie mich auf die Trage legten und rausbringen wollten, wollte ich meine verlorene Brille zurückhaben. Die Sanitäter – die mir übrigens das Leben gerettet haben – waren tierisch genervt, weil sie in dem Chaos suchen mussten. Aber egal: In welcher Situation auch immer, man darf nie die Contenance verlieren. Das ist mein oberstes Prinzip.

Wann setzen Sie die Sonnenbrille morgens auf?

Wenn ich aufstehe.

Es heißt, dass Sie sogar auf Ihrem Führerschein Ihre Sonnenbrille tragen.

Na, klar. Auch auf dem Personalausweis.

Selbst auf seinen amtlichen Lichtbilddokumenten trägt Kalle Schwensen die obligatorische Sonnenbrille. (Quelle: t-online.de/Rüdiger Schmitz-Normann)Selbst auf seinen amtlichen Lichtbilddokumenten trägt Kalle Schwensen die obligatorische Sonnenbrille. (Quelle: Rüdiger Schmitz-Normann/t-online.de)

Wie schafft man das?

Reichen Sie einfach ein Foto mit Sonnenbrille ein. Hat bei mir geklappt.

Um Ihren Führerschein lieferten Sie sich einen jahrelangen Kampf mit der Hamburger Justiz.

Und der ist immer noch nicht zu Ende. Kurz vor Weihnachten 2010 musste ich meinen Führerschein abgeben. 25 von 18 möglichen Punkten in Flensburg. Das Übliche: zu schnell, Fahren ohne Gurt und Telefonieren am Steuer. Dann kam der Vorwurf, dass ich Anfang Februar 2011 am Abend ohne Führerschein gefahren sein soll. Das hätten zwei Polizisten in Zivil aus einer gewissen Entfernung beobachtet. Mein Anwalt fragte später den einen Beamten, woher er denn wissen wollte, dass ich das gewesen sei. Der sagte nur: "Ich kenne nur zwei Männer, die nachts eine Sonnenbrille tragen. Heino und Kalle Schwensen. Und Heino war es nicht." 11.000 Euro Geldstrafe und weitere neun Monate ohne Führerschein lautete das Urteil.

Das haben Sie aber nicht akzeptiert.

Es gibt einen Bekannten, der häufig mit mir verwechselt wird. Den habe ich gebeten, sich einen Anzug anzuziehen und eine Sonnenbrille aufzusetzen. Ich habe mir wiederum den Bart abrasiert und die Brille abgenommen. Mein Anwalt ging dann in den Gerichtssaal, mein Freund zeigte sich nur kurz an der Tür und ist dann wieder verschwunden. Ich selbst bin wenig später in Parka, Pullover und ohne Brille reinmarschiert und habe mich neben meinen Anwalt gesetzt.

Und dann?

Nach sechs Minuten fragte die Protokollführerin, ob der Angeklagte schon da sei. Und mein Anwalt erklärte natürlich, dass der Angeklagte, also ich, genau neben ihm säße. Danach kam die Richterin rein. Sie musterte mich und sagte fragend zur Staatsanwältin, sie habe gehört, dass Herr Schwensen kurz in der Tür gestanden hätte und wieder gegangen sei, ob sie dazu etwas sagen könne. Sowohl die Staatsanwältin als auch die Protokollführerin waren überzeugt, dass der andere Mann mit Anzug und Sonnenbrille Kalle Schwensen gewesen wäre.

Und was ist mit Ihnen passiert?

Die Richterin hat mich gefragt, wer ich denn sei und ob ich mich ausweisen könne. Mein Anwalt bestätigte natürlich, dass ich Kalle Schwensen sei. Die Richterin unterbrach die Verhandlung und zog sich mit den Schöffen ins Richterzimmer zurück. Nach ca. 10 Minuten kam sie zurück in den Saal und verkündete: "Fürs Protokoll: Ich habe eben auf dem Flur Herrn Schwensen erkannt und ihn angesprochen, er hat nicht geantwortet. Das Aussehen von Herrn Schwensen ist gerichtsbekannt. Dieser Herr hier ist nicht Herr Schwensen."Die Protokollführerin forderte sie auf, Herrn Schwensen noch mal aufzurufen, die Protokollführerin ging zur Tür und rief dreimal meinen Namen in den Flur. Ich habe dann immer wieder gesagt: "Ja, hier bin ich". Dann hat mein Anwalt versucht, die Geschichte aufzuklären und zu zeigen, wie leicht es ist, für Kalle Schwensen gehalten zu werden.

Klingt absurd.

Aber obwohl mein Anwalt auf ausdrückliche Frage der Richterin "anwaltlich versicherte", dass ich Kalle Schwensen bin, hat die Richterin die Berufung verworfen, mit der Begründung, ich sei nicht vor Gericht erschienen und hat die Verhandlung beendet. Ich sagte der Richterin, dass ich den Saal nicht verlasse, bevor meine Identität nicht festgestellt sei und dass es Rechtsbeugung und ein Skandal ist, was sie macht. Daraufhin verließ sie den Saal.

Axel Milberg (li.), Kalle Schwensen und Heiner Lauterbach (re.) 2014 bei einer Preisverleihung: Der Hamburger Schwensen kennt zahlreiche Prominente. (Quelle: dpa/Eventpress Schraps)Axel Milberg (li.), Kalle Schwensen und Heiner Lauterbach (re.) 2014 bei einer Preisverleihung: Der Hamburger Schwensen kennt zahlreiche Prominente. (Quelle: Eventpress Schraps/dpa)

Und dann?

Die Protokollführerin hatte mittlerweile den Alarmknopf gedrückt. Polizei- und Justizbeamte kamen herein: Und blieben erst einmal stehen. Die anwesenden Journalisten hatten eine Keilerei erwartet und riefen die Fotografen in den Saal. Das habe ich genutzt, um meine unverwechselbaren Narben als Beweis fotografieren zu lassen.

Und wie ging die Geschichte aus?

Am nächsten Tag erklärte der Sprecher des Landgerichts, dass man sich nicht wundern dürfe, wenn man verkleidet vor Gericht erscheint und dann nicht entsprechend erkannt wird. Also wie Gott mich schuf, rasiert und ohne Sonnenbrille, bin ich verkleidet: Das habe ich jetzt offiziell. Ende 2014 habe ich immerhin meinen Führerschein wiederbekommen. Aber der Prozess ist auch nach mehr als sieben Jahren noch immer nicht beendet.

Sie sind als Freund der Geschwindigkeit am Steuer bekannt. Hatten Sie eigentlich auch mal Ärger wegen Alkohol?

Nein. Wie gesagt, ich war nie jemand, der viel getrunken hat. Ich hatte damals auch spät damit angefangen.

Was war denn Ihr Lieblingsgetränk?

Bourbon-Whiskey. Meinen ersten habe ich 1973 mit Keith Richards von den Rolling Stones getrunken.

Wie haben Sie die Rolling Stones kennengelernt?

Über den legendären Konzertveranstalter Fritz Rau. Ich war 1973 beim Konzert der Stones in Hamburg. Rau, den ich schon von einem Konzert von Chuck Berry kannte, hatte mich spontan gebeten, aufzupassen und niemanden in den Backstage-Bereich zu lassen. Da stand dann auf einmal ein kleiner Mann. Es war Keith Richards. Er sah total verkommen aus: Er hatte Oberschenkel wie meine Unterarme und nur wenige Zähne.

Kamen Sie gut miteinander aus?

Klaro, später sind wir zusammen losgezogen. Keith Richards, Mick Jagger und die anderen Jungs und ich. Es ging zum "Blauen Satelliten", der damaligen Top-Diskothek im selben Hotel, in dem die Stones wohnten. Der Türsteher musterte uns, deutete auf den Drummer Charlie Watts und sagte: "Du kannst reinkommen". Watts war von uns der Einzige, der reindurfte, er trug nämlich eine Krawatte. Das muss man sich mal vorstellen, die Rolling Stones durften nicht rein.

Sie haben einmal gesagt: "Andere haben Tätowierungen, ich habe Narben." Gelten Narben in Ihren Kreisen als männlich?

Ich finde meine Narben nicht sexy, die sind einfach da. Als ich in einer Diskothek abgestochen wurde, ins Gesicht, den Oberarm und Bauch, habe ich den chefhabenden Arzt im OP gebeten, kleine Stiche beim Nähen zu machen. Wenn die Ärzte ihnen in der Eile das Leben retten wollen, machen die einen groben Kreuzstich beim Nähen. Als junger Bengel ist man ja eitel und grobe Kreuzstiche sehen scheiße aus.

Am kommenden Donnerstag werden Sie 65 Jahre alt. Sie haben in Ihrem Leben wohl alles Menschliche gesehen. Ist der Mensch gut oder böse?

Menschen werden von ihrer Umwelt, von ihren Bekannten und Freunden geprägt. Mal sind sie gut, mal sind sie schlecht, mal sind sie nett, mal sind sie hässlich.

Wie alt wollen Sie werden?
300 Jahre sind schon mein Ziel. Und wenn man die momentane Entwicklung in der Medizin beobachtet, auch nicht unrealistisch. Eine Herzverpflanzung hielt man auch für unmöglich.

Also bleiben Sie uns noch lange erhalten.

Sterben ist out. Für so einen Quatsch habe ich gar keine Zeit. Sie lachen jetzt, aber ich sage Ihnen, die Unsterblichkeit wird in den nächsten 20 Jahren zum Regelfall. Medizin und Technik sind hervorragend. Nehmen Sie die Arterienverkalkung, das war früher ein Todesurteil. Heutzutage kriegen sie eine Spritze, dadurch rast ein kleiner Roboter in die Adern, fräst sich durch und löst sich dann in Wohlgefallen auf. In 15 Jahren wird es Dinge geben, die wir uns heute nicht einmal vorstellen können.

Dafür muss man auch gut gucken können. Welches Modell von Ray Ban tragen Sie eigentlich?

Das ist eine "General". Die wurde zum 50. Jubiläum von Ray Ban in den Achtzigerjahren hergestellt. Davon haben sie eine Sonderedition rausgebracht mit einer Auflage von 5.000 Stück weltweit. Hier in Hamburg gab es zwei Stück zu kaufen. Die eine davon habe ich hier auf der Nase.

Und die andere?

Die liegt bei mir zu Hause in der Schublade.

Herr Schwensen, wir danken für das Gespräch.

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