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Corona: Sorgt Pandemie dafür, dass China Deutschland komplett abhängt?


Weltwirtschaft nach der Pandemie  

"Deutschland wird es bei der Corona-Aufholjagd schwer haben"

07.04.2021, 16:46 Uhr
Corona: Sorgt Pandemie dafür, dass China Deutschland komplett abhängt?. Das chinesische Neujahrsfest im Februar: In China sind große Veranstaltungen seit Langem wieder möglich. (Quelle: imago images)

Das chinesische Neujahrsfest im Februar: In China sind große Veranstaltungen seit Langem wieder möglich. (Quelle: imago images)

Verglichen mit dem Rest der Welt fielen die Corona-Schäden für die deutsche Wirtschaft 2020 noch gering aus. Bei der Aufholjagd in diesem Jahr aber könnte Deutschland ins Hintertreffen geraten.

Vor knapp einem Jahr noch galt Deutschland als Krisen-Weltmeister. Der erste Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 entfaltete seine Wirkung, die Infizierten-Zahlen sanken – und die hiesige Wirtschaft kam dank Kurzarbeitergeld und stattlichen Staatshilfen im Vergleich zu anderen Ländern halbwegs gut zurecht.

Und dieses Jahr? Sieht die Lage anders aus. Während in den USA bis Mai jeder Erwachsene eine Impfung erhalten soll und China das Virus mit harten, diktatorischen Maßnahmen in den Griff bekommen hat, ging und geht es in Deutschland nur schleppend voran im Kampf gegen die Pandemie.

Auf den "Lockdown light" im November folgte der harte "Wellenbrecher-Lockdown" zu Weihnachten, der wiederum bis Ende Februar in die Verlängerung ging und nun vom "Brücken-Lockdown" abgelöst werden soll – weil es beim Impfen nicht schnell genug geht. Die Folge für die Wirtschaft: Die Aussichten sind trüber als zuletzt, Corona dürfte Unternehmen und Arbeitnehmer in Deutschland länger beschäftigen als andernorts.

Doch was genau heißt das? Wie sehen Deutschlands Wirtschaftszahlen im Vergleich zu den USA und China aus? Und wie passen die immer wieder neuen Rekorde an der Börse dazu? t-online beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie steht es um die deutsche Wirtschaft im zweiten Corona-Jahr?

Wäre die deutsche Wirtschaft ein Patient im Krankenhaus, würde eine Ärztin vermutlich sagen: den Umständen entsprechend gut. Oder anders ausgedrückt: Die Lage ist ernst, aber nicht lebensbedrohlich – zumindest nicht überall, zumindest für den Moment.

Das liegt ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie vor allem an der Industrie. Denn anders als im ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr, als die ganze Welt fast zeitglich zum Stillstand kam, läuft es in den Fabriken derzeit rund. Autos, Maschinen und Chemie made in Germany sind im Rest der Welt wieder stark gefragt, besonders dort, wo die Pandemie weitgehend im Griff ist, etwa in China.

Das stützt die deutsche Wirtschaft enorm und gleicht die Verluste, die zuletzt vor allem der Einzelhandel, Restaurants und Hotels verbuchen mussten, gesamtwirtschaftlich in Teilen wieder aus. Die Folge: Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Zahl der Kurzarbeiter ebenfalls.

Gleichwohl sieht es nicht in allen Wirtschaftszweigen so gut aus. Obwohl viele Ladenbetreiber und Handelsketten inzwischen wieder Umsätze machen, die Deutschen mehr einkaufen, droht nach Einschätzung des Handelsverbandes bis zu 50.000 Geschäften die Insolvenz. Auch das Gastgewerbe, die Veranstaltungsbranche und selbstständige Kulturschaffende leiden nach wie vor stark unter dem andauernden Lockdown. Was ihnen hilft: Nach viel Hin und Her fließen die staatlichen Corona-Hilfen inzwischen mehr oder weniger.

Wie sind die wirtschaftlichen Aussichten für Deutschland?

Verkürzt gesagt, wahrscheinlich schlechter als zuletzt gedacht, und vor allem: schlechter als in vielen anderen Ländern der Welt.

Zwar gilt als ausgemachte Sache, dass die Wirtschaft nach dem Einbruch von 5,0 Prozent im Seuchenjahr 2020 dieses Jahr wieder deutlich wächst. Allerdings haben die meisten Wirtschaftsforscher ihre Konjunkturprognosen für 2021 unlängst nach unten korrigiert.

Hauptauslöser dafür: der andauernde Lockdown, der weite Teile der deutschen Wirtschaft belastet und dafür sorgt, dass das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes (BIP) dieses Jahr geringer ausfallen dürfte als Ende 2020 angenommen. Folgende Institute und Forschergremien haben ihre Prognosen für das laufende Jahr gesenkt:

  • Der Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen geht inzwischen davon aus, dass die deutsche Wirtschaft statt um 3,7 Prozent dieses Jahr nur noch um 3,1 Prozent wächst. 
  • Das Münchner Ifo-Institut rechnet derweil noch mit einem Wachstum von 3,7 Prozent. Im Dezember aber gingen die Forscher noch von plus 4,2 Prozent aus. 
  • Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) schätzt das Wachstum für 2021 auf 3,0 Prozent. Zuletzt hatte das Institut ein Plus von 4,0 Prozent erwartet.
  • Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) prognostiziert ebenfalls ein Wachstum von 3,0 Prozent statt der im Dezember erwarteten 5,3 Prozent.

Optimistischer sind dagegen nur zwei Forschungseinrichtungen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) revidierte seine Erwartungen aus dem Dezember im März sogar nach oben. Inzwischen rechnen die Forscher mit einem Wachstum von 3,7 Prozent für das laufende Jahr statt nur mit einem Plus von 3,1 Prozent.

Noch zuversichtlicher ist das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomik und Konjunkturforschung (IMK): Wie schon im Dezember erwarten die IMK-Ökonomen ein Wachstum in Höhe von 4,9 Prozent.

Verglichen mit den USA und China sieht es schlecht aus für Deutschland

Obwohl sich die Zahlen vor und hinter dem Komma leicht unterscheiden – für sich betrachtet wirken sie auf den ersten Blick gut. Allein: Im internationalen Vergleich sind sie es nur bedingt, wie eine am Dienstag veröffentlichte Berechnung des internationalen Währungsfonds (IWF) zeigt.

In Relation zur Weltwirtschaft wächst die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr demnach unterdurchschnittlich. Während das Wachstum der Weltkonjunktur laut IWF dieses Jahr bei 6,0 Prozent liegen dürfte, erwarten die Ökonomen für Deutschland lediglich ein Plus von 3,6 Prozent.

Besonders im Vergleich zu den führenden Industrienationen der G7 sieht die Prognose für Deutschland schlecht aus. Lediglich in Japan erwartet der IWF demnach ein geringeres Wachstum als hierzulande:

Zwar ist bei dieser Betrachtung zu berücksichtigen, dass etwa Länder wie Frankreich und Italien 2020 einen deutlich stärkeren Konjunktureinbruch erlebten als die deutsche Volkswirtschaft und der Bumerangeffekt dort in diesem Jahr auch deshalb größer ausfällt. Allerdings gilt diese Beobachtung nicht für China und die Vereinigten Staaten.

Nach einem geringen Einbruch im vergangenen Jahr wächst die US-Wirtschaft durch das Konjunkturpaket von Präsident Joe Biden dieses Jahr laut IWF um 6,4 Prozent – deutlich mehr als in Deutschland und auch mehr als im Durchschnitt aller Länder der Welt. Für China erwarten die Ökonomen nach einem kleinen Plus in 2020 dieses Jahr sogar ein Wachstum von 8,4 Prozent.

Sorgt Corona dafür, dass China und die USA uns abhängen?

Abschließend lässt sich das erst im Laufe der nächsten Jahre sagen, Experten zufolge ist die Gefahr jedoch da. "Die regionale Schere geht immer weiter auf", sagt etwa Joachim Schallmeyer, Volkswirt und Chef-Kapitalmarktstratege bei der Dekabank. "Die USA und China eilen uns wirtschaftlich jetzt noch schneller davon."

Seine Befürchtung: Mehr noch als bereits vor Corona könnte Deutschland zwischen den beiden Wirtschaftssupermächten zerrieben werden. Wichtigster Grund dafür sei das Schneckentempo beim Impfen. "Während in Amerika und China die Normalität absehbar ist, kommen wir in der Pandemiebekämpfung nur schleppend voran", sagt Schallmayer. "Die Monate, die wir jetzt verlieren, werden uns dauerhaft fehlen."

Ökonom fordert Milliarden-Konjunkturpaket

Diese Gefahr sieht auch Jens Südekum, Professor für internationale Volkswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf. "Der Abstand zwischen Europa und dem Rest der Welt wird größer", sagt er t-online. "Deutschland wird es bei der Corona-Aufholjagd schwer haben. Zugleich wird China Amerika noch früher als bislang gedacht als größte Volkswirtschaft der Erde ablösen."

Diese Entwicklung könnte Deutschland auch in den kommenden Jahren spüren – nicht zuletzt wegen des US-Konjunkturpakets von mehr als zwei Billionen US-Dollar. Denn: US-Präsident Joe Biden verteilt nicht nur 1.400 Dollar an jeden Amerikaner, sondern investiert im großen Umfang in die Infrastruktur und Entwicklung grüner Technologien.

Der Ökonom Jens Südekum ist Professor für internationale Volkswirtschaft an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. (Quelle: imago images/Jürgen Heinrich)Der Ökonom Jens Südekum ist Professor für internationale Volkswirtschaft an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. (Quelle: Jürgen Heinrich/imago images)

"Die USA lassen das Corona-Tal nicht nur früher hinter sich, sondern bekommen durch das Konjunkturpaket zusätzlichen Rückenwind, der sie noch Jahre tragen wird", erklärt der Ökonom. Das verschärfe die Situation für die deutsche Wirtschaft. Südekum: "Langfristig könnten auch Arbeitsplätze bedroht sein, die in die Vereinigten Staaten verlagert werden."

Ergänzend zu den Staatshilfen für Unternehmen plädiert er deshalb ebenfalls für weitere staatliche Investitionen. "Spätestens im Herbst, wenn ein Ende der Pandemie erreicht sein sollte, brauchen wir ein weiteres Konjunkturpaket, das auf die kommenden zehn Jahre angelegt ist", sagt Südekum. "Wenn das US-Programm als Maßstab dient, müssten es in Deutschland rund 500 Milliarden Euro sein."

Warum gibt es bei deutschen Aktien trotzdem neue Rekorde?

Das hängt vor allem mit der guten wirtschaftlichen Entwicklung in den USA zusammen und damit, dass zahlreiche deutsche Konzerne einen großen Teil ihres Geschäfts im Ausland machen. "Die großen Unternehmen in Deutschland operieren global", sagt Deka-Kapitalmarktexperte Schallmayer. "Sie profitieren deshalb stark vom Anziehen der Wirtschaft in China und dem riesigen Konjunkturpaket in den USA."

Deshalb sei es nur konsequent, dass auch der deutsche Leitindex Dax zuletzt einen Rekord nach dem nächsten feierte. "Die Akteure an den Finanzmärkten blicken bereits auf die Tage nach Corona", so Schallmayer weiter. "Angesichts der Impferfolge in den USA haken sie die Krise teilweise schon ab und preisen das beim Aktienhandel ein."

Besonders gelte das für die eingangs bereits erwähnte Industrie. Gleichwohl dürften sich Anleger nicht täuschen lassen. "Wir erleben eine Art Sonderkonjunktur", erklärt Schallmayer.

"Die international agierenden Konzerne nehmen die Rolle eines Trittbrettfahrers ein, der auf der amerikanischen Geld-Welle surft. Das treibt die Aktien dieser Unternehmen kurz- und mittelfristig hoch." Ob diese Entwicklung angesichts der wirtschaftlichen Erfolge Chinas und der USA auch langfristig stabil bleibe, müsse sich dagegen erst noch zeigen.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Konjunkturprognosen von SVR, Ifo, DIW, IW, IMK, IfW und IWF
  • Gespräch mit Jens Südekum
  • Gespräch mit Joachim Schallmayer
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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