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Lieferketten stehen durch Omikron am Kipppunkt

Von Nele Behrens

Aktualisiert am 26.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Mitarbeiter vor dem Yangshan-Tiefseehafen in Shanghai: Es ist der größte Hafen der Welt – und in der Stadt sind bereits erste Omikron-Fälle aufgetreten.
Mitarbeiter vor dem Yangshan-Tiefseehafen in Shanghai: Es ist der größte Hafen der Welt – und in der Stadt sind bereits erste Omikron-Fälle aufgetreten. (Quelle: China Photos/getty-images-bilder)
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Die Wirtschaft hoffte zu Jahresbeginn auf Erholung – nun aber sind die internationalen Lieferketten abermals in Gefahr. Mit der Omikron-Welle in China droht neues Chaos, sagen Experten.

Es ist ein Widerspruch, wie ihn wohl nur das Coronavirus hervorrufen kann: Hoffnung auf ein baldiges Ende der Pandemie, zugleich Sorgen vor erneuten Lieferproblemen – die Omikron-Variante schafft es, beide Aspekte zu vereinen.

Trotz explodierender Inzidenzen und drohender Überlastungen in den deutschen Krankenhäusern blicken sowohl Wirtschaft als auch Politik mit Optimismus auf die kommenden Monate. Sobald das Virus endemisch wird, erhole sich die Wirtschaft dauerhaft, so die Hoffnung.

Doch ist diese angesichts der Omikron-Variante wirklich berechtigt? Oder bringt das Virus die Weltwirtschaft in den kommenden Wochen erneut zum Erliegen, weil die ohnehin angespannten Lieferketten abermals reißen?

Wichtige Routen sind bereits jetzt belastet

Aktuell ist die Versorgungslage schon angespannter als vor Weihnachten. Die erhoffte Entspannung zum Jahresstart blieb aus, zeigt auch eine Nachfrage bei Dachser, einem der größten deutschen Logistikunternehmen mit Sitz in Kempten und weltweit mehr als 30.000 Mitarbeitern.

"Was die Seefracht betrifft, beginnt das neue Jahr mit unverändert hohen und zum Teil weiter steigenden Seefrachtraten auf wichtigen Routen", teilt Dachser auf Anfrage von t-online mit.

Besonders betroffen seien etwa die Routen Fernost nach Nordeuropa sowie die Schiffsverbindungen von Fernost an die US-Westküste – und das ohne, dass ein einziger wichtiger Hafen wegen eines Omikron-Ausbruchs bislang komplett geschlossen habe.

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Stau vor der US-Westküste reicht bis Mexiko

Ein ähnliches Bild zeichnet der Schweizer Speditionskonzern Kühne + Nagel (K+N). Von den global verfügbaren 25 Millionen Schiffscontainern verharren laut dem Unternehmen Millionen in Wartestellungen, 564 aller rund 5.700 Containerschiffe weltweit liegen in Häfen, also knapp zehn Prozent.

Die Folge: Auf dem Meer kommt es zu Staus. Schiffe, die am Hafen von Los Angeles anlegen wollen, stehen laut Medienberichten teils in mexikanischen Gewässern in der Warteschlange. Das zeigt das Ortungssystem "Seaexplorer" von K+N.

Bilder und Berichte wie diese schüren die Sorgen vor erneuten Lieferengpässen, wie sie das vergangene Jahr geprägt haben. Damals musste etwa der chinesische Hafen Yantian in der Wirtschaftsregion Shenzhen wegen eines Corona-Ausbruchs teilweise schließen. Das traf die globalen Lieferketten empfindlich: Bis zu 130 Schiffe stauten sich vor dem asiatischen Hafen

"Ein Lieferchaos ist leider nicht auszuschließen"

Szenarien, die sich bald wiederholen könnten. "Ein Lieferchaos wie im vergangenen Jahr ist leider aktuell nicht auszuschließen", sagt der Ökonom und Experte für Handelspolitik am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) Vincent Stamer.

Ob es wieder zu einem Lieferchaos kommt, liegt vor allem an der Reaktion Chinas, sagt Vincent Stamer, Ökonom an dem IfW in Kiel.
Ob es wieder zu einem Lieferchaos kommt, liegt vor allem an der Reaktion Chinas, sagt Vincent Stamer, Ökonom an dem IfW in Kiel. (Quelle: IfW Kiel)

"Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, dass sich ein Omikron-Fall an einem Hafen in China ausbreitet", so Stamer und verweist auf die ersten Omikron-Fälle in der Region rund um die Hauptstadt Peking, die in den vergangenen Wochen bekannt wurden.

Erste Omikron-Fälle in mehreren chinesischen Hafenstädten

In der angrenzenden Wirtschaftsmetropole Tianjin etwa mussten erst vor zwei Wochen alle 14 Millionen Einwohner zu einem Massentest, nachdem die Behörden 40 Corona-Fälle registriert hatten. Damit rückte das Lieferketten-Chaos deutlich näher, denn: Die Metropole ist Heimat einer der wichtigsten Häfen Chinas. Mit 18,3 Millionen Standardcontainern, die hier 2020 umgeschlagen wurden, ist Tianjins Hafen der achtgrößte der Welt.

Und Tianjin ist nicht die einzige wichtige Region mit einem Hafen, in der die ersten Omikron-Fälle aufgetreten sind. So sind trotz des harten Durchgreifens der chinesischen Regierung in den vergangenen Tagen auch Omikron-Fälle in der Hafenstadt Dalian aufgetreten.

Unternehmen stocken Lagerbestände auf

Die Region Guangdong, in der auch die Städte Guangzhou und Shenzhen liegen, hat die hochansteckende Variante ebenfalls bereits erreicht. Laut einer Auswertung aus dem Jahr 2021 ist der Hafen in Guangzhou der fünftgrößte der Welt, der Hafen in Shenzhen der viertgrößte. Und auch das Finanzzentrum Shanghai – mit dem umschlagsstärksten Hafen der Welt – verzeichnete bereits erste Fälle der neuesten Corona-Variante. "Kein Hafen ist gegen Omikron immun", sagt Stamer.

Containerschiffe, so weit das Auge reicht (Symbolbild): Der Hafen in Shanghai ist der größte der Welt – auch in der Millionenstadt gibt es bereits erste Omikron-Fälle. Wie reagiert China, wenn diese auf den Hafen überspringen?
Containerschiffe, so weit das Auge reicht (Symbolbild): Der Hafen in Shanghai ist der größte der Welt – auch in der Millionenstadt gibt es bereits erste Omikron-Fälle. Wie reagiert China, wenn diese auf den Hafen überspringen? (Quelle: VCG/imago-images-bilder)

Die Sorge scheint auch an den Unternehmen nicht spurlos vorbeizugehen. "Wir stellen fest, dass Hersteller sich den Bedingungen anpassen", sagt ein Sprecher vom Logistikkonzern Dachser. "So stocken Unternehmen ihre Lagerbestände in Europa auf oder setzen, wenn immer möglich, auf mehrere Lieferanten aus unterschiedlichen Regionen."

Der Autobauer BMW und Bosch berichten auf Anfrage von t-online, dass sie einen deutlichen Fokus auf ihr Risikomanagement legen. "Wo erforderlich, weichen wir auf alternative Lieferquellen und -wege innerhalb unseres globalen Lieferantennetzwerkes aus", so ein Bosch-Sprecher zu t-online.

Chinas Impfstoff schützt nicht ausreichend vor Omikron

In den USA wählen viele Firmen derweil andere Wege – und ziehen ihre Lieferungen aus China vor, weil sie Angst vor einem Omikron-Lockdown haben. Laut einem Bericht der "New York Times" müssen manche Unternehmen deshalb bereits die Waren für die Herbstsaison vorbereiten.

Wie realistisch diese befürchteten Engpässe tatsächlich sind, liegt vor allem an der Politik Chinas, sagt Stamer. "Noch verfolgt China seine Zero-Covid-Strategie", so der IfW-Ökonom. Langfristig jedoch sei er überzeugt, dass auch China von der Methode des harten Lockdowns abweichen wird, da die wirtschaftlichen Schäden zu hoch sein dürften. Entscheidend sei, wann dieser Politikwechsel eintreten wird.

Fest steht: Eine Studie aus Hongkong zeigt bereits, dass der chinesische Impfstoff Sinovac keine ausreichende Schutzwirkung vor der Omikron-Variante bietet, anders als etwa das Biontech -Vakzin.

Bleibt China bei seiner Zero-Covid-Strategie, drohen Engpässe

Der Mainzer Impfstoff ist in China nicht zugelassen, lediglich in der Sonderverwaltungszone Hongkong konnten sich Bürger den deutschen mRNA-Impfstoff verabreichen lassen. Während die Omikron-Welle in der westlichen Welt ob hoher Impfquoten mit mRNA-Präparaten vergleichsweise mild verläuft, könnte die Variante China deutlich härter treffen.

Zero-Covid-Strategie: China reagierte sehr strikt bei den ersten Omikron-Fällen im Land – dennoch verbreitet sich das Virus in immer mehr Metropolen.
Zero-Covid-Strategie: China reagierte sehr strikt bei den ersten Omikron-Fällen im Land – dennoch verbreitet sich das Virus in immer mehr Metropolen. (Quelle: XuxYu/imago-images-bilder)

Sollte China deshalb weiter an seiner strikten Eindämmungspolitik festhalten, könnten Lockdowns an Häfen ähnliche Reaktionen hervorrufen wie im vergangenen Jahr – nur dass zusätzlich die Lieferkrise aus dem vergangenen Jahr noch nachwirkt. "Der eine Effekt wären Lieferengpässe und -ausfälle", erklärt Stamer. Der zweite wären erneut steigende Lieferkosten, die noch immer auf hohem Niveau verharren.

Der Befreiungsschlag bleibt aus

Wenn wegen erneuter Lockdowns viele Schiffe in Häfen gebunden sind und nicht gelöscht werden, entstehe ein Wettbewerb. "Um die verbleibenden Containerschiff-Plätze wird dann so lange gekämpft, dass die Frachtraten, also die Transportkosten, wieder steigen werden“, sagt der Experte.

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Omikron stellt daher nicht nur den Hoffnungsträger auf die Endemie, sondern noch immer auch ein Risiko für die Wirtschaft dar. "Der erwartete große Befreiungsschlag, den wir Ökonomen für dieses Jahr prognostiziert haben, dürfte dann wiederum um einige Monate verschoben werden", so Stamer.

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