Sie sind hier: Home > Politik > Tagesanbruch >

Es geht ums Überleben: Konkrete Lösungen für den Klimawandel

MEINUNGTagesanbruch  

Es geht ums Überleben

05.07.2021, 08:18 Uhr
Es geht ums Überleben: Konkrete Lösungen für den Klimawandel. In diese Konverter-Station in Schleswig-Holstein mündet das Seekabel NordLink, das in Norwegen und Deutschland 3,6 Millionen Haushalte mit Strom versorgt.  (Quelle: imago images)

In diese Konverter-Station in Schleswig-Holstein mündet das Seekabel NordLink, das in Norwegen und Deutschland 3,6 Millionen Haushalte mit Strom versorgt. (Quelle: imago images)

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

wenn Sie den Tagesanbruch abonnieren möchten, können Sie diesen Link nutzen. Dann bekommen Sie den Newsletter jeden Morgen um 6 Uhr kostenlos per E-Mail geschickt. Hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

Der Schlüssel zur Zukunft

Unser Planet verändert sich – leider nicht zum Besseren. Rekordhitze entfacht in Nordamerika ein Inferno mit brennenden Ortschaften. Eine Jahrhundertdürre stürzt Madagaskar in eine verheerende Hungersnot. Aufbrechende Permafrostböden in Sibirien lassen Häuser einstürzen. Die Trockenheit in der Sahelzone treibt Zigtausende Menschen in die Flucht. Auch Deutschland wird immer häufiger von Extremwetter heimgesucht: Stürme, Überschwemmungen und Hitzeperioden kosten Menschenleben, verwüsten die Wälder, verursachen Millionenschäden. Die Erderhitzung stresst unseren Planeten von Jahr zu Jahr heftiger, und die Kosten könnten schon bald in die Billionen gehen. 

Mit Ausnahme der AfD haben inzwischen alle Parteien verstanden, dass der Klimaschutz höchste Priorität erfordert. Sie schreiben ihn nicht mehr nur als Schlagwort in ihre Wahlprogramme, sondern machen konkrete Vorschläge. Es ist nicht mehr die Frage, ob das Klima geschützt werden soll, sondern vielmehr wie. Auf den letzten Metern ihrer Amtszeit hat die amtierende Bundesregierung die gesetzlichen Klimaschutzziele massiv verschärft: Bis 2030 soll Deutschland seine Treibhausgasemissionen um 65 Prozent im Vergleich zu 1990 drosseln, bis 2045 soll unser Land komplett treibhausgasneutral sein. Im Vergleich zu den trödeligen Bemühungen der vergangenen Jahre ist das geradezu eine Revolution. Ermöglicht wurde sie von der Jugendbewegung Fridays for Future, den Appellen von Wissenschaftlern, der internationalen Klimaschutzdiplomatie, dem bahnbrechenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts und vor allem einem gewandelten Bewusstsein in der Bevölkerung: Kein anderes Thema ist den Bürgern von Jung bis Alt konstant so wichtig wie der Klimaschutz. So gesehen haben die Grünen ihr wichtigstes Ziel längst erreicht. Bei der Frage, wie genau die hochgesteckten Ziele erreicht werden sollen, bestehen allerdings gravierende Unterschiede zwischen den Parteien der drei Kanzlerkandidaten. Deshalb lohnt sich ein Blick auf die jeweiligen Pläne:

Die Grünen mit Annalena Baerbock an der Spitze wollen bis 2030 aus der Kohle aussteigen und bis 2025 weitere 1,5 Millionen Dächer mit Solaranlagen pflastern. Der CO2-Preis soll für Benzin, Heizöl und andere fossile Stoffe schneller steigen und schon übernächstes Jahr 60 Euro betragen. Im Gegenzug sollen die EEG-Umlage und damit der Strompreis sinken. Jeder Bürger soll ein Energiegeld erhalten: je weniger CO2 man produziert, desto mehr. Wie genau das funktionieren soll, wissen die Grünen allerdings noch nicht, zudem ist fraglich, ob diese Klimaprämie verfassungsgemäß wäre. Auf Autobahnen soll ein Tempolimit von 130 km/h gelten, ab 2030 wollen die Grünen die Zulassung von Verbrennerautos verbieten – ein Plan, den Teile der Autoindustrie selbst bei größten Anstrengungen für kaum erreichbar halten.

CDU und CSU mit Armin Laschet wollen einen europäischen Handel mit Emissionszertifikaten einführen und den CO2-Preis erhöhen (wenngleich sie das nur verschwurbelt ankündigen). Das könnte dazu führen, dass der Liter Benzin bald 80 Cent mehr kostet und auch Heizen deutlich teurer wird – ein Widerspruch zum erklärten Ziel der Union, sowohl Bürger mit kleinen Einkommen als auch Unternehmen zu entlasten. Der Kohleausstieg soll erst 2038 kommen, die Autoindustrie soll weiterhin Verbrennungsmotoren verkaufen dürfen. Vage beschwören die beiden Parteien die "Wasserstoff-Zukunft", doch es bleibt unklar, wie sie die hochgesteckten Klimaschutzziele erreichen wollen.

Die SPD mit Olaf Scholz hält am Kohleausstieg bis 2038 fest und will auch das bisherige CO2-Preismodell beibehalten, aber die EEG-Umlage komplett abschaffen und so die Stromkosten senken. Als wichtigstes Instrument setzen die Sozialdemokraten auf den massiven Ausbau der erneuerbaren Energien. Genehmigungsverfahren wollen sie beschleunigen, Investitionen in Wind- und Solarkraft fördern. Tatsächlich trifft die SPD damit einen zentralen Punkt: Auch die Mehrheit der Wissenschaftler kommt zu dem Schluss, dass ohne einen schnellen Ausbau der nachhaltigen Energieversorgung die Klimaziele nicht zu erreichen sind. Dafür braucht es auf sehr viel mehr Dächern Solaranlagen – vor allem aber auf dem Land sowie in der Nord- und Ostsee 1.200 zusätzliche Windräder – jedes Jahr. Am Ende wären zwei Prozent der Fläche Deutschlands mit Windkraftanlagen zugestellt.

Das funktioniert nur, wenn man keine Konflikte scheut. In Baden-Württemberg waren die Grünen unter Ministerpräsident Kretschmann dazu nicht in der Lage: Sie kuschten vor Umweltschützern und scheiterten krachend beim Ausbau der Windkraft. Olaf Scholz will den Aufbau von Windrädern im Zweifel auch gegen Widerstände durchziehen. "Die Verfahren zur Genehmigung von großen Stromleitungen und großen Anlagen dürfen nicht mehr bis zu zehn oder zwanzig Jahre dauern, sondern müssen in zwei, drei oder vier Jahren gelingen. Dafür müssen wir das Planungsrecht ändern", hat er im t-online-Interview gesagt.

Das dürfte Umweltschützern und auch vielen Landbewohnern nicht gefallen. Und natürlich braucht es mehr als nur Windräder und Solaranlagen, um die Klimaziele zu erreichen. Aber sie sind der Schlüssel, ohne sie greift alles andere zu kurz – wenn man nicht zur Atomkraft zurückkehren will. So sieht sie aus, die nüchterne Realität. Damit die breite Bevölkerung sie akzeptiert, braucht es einen gesellschaftlichen Konsens. Den herzustellen wird vielleicht die wichtigste Aufgabe der nächsten Bundesregierung sein. Das gelingt nur mit Erfahrung, Geschick, Empathie und Durchsetzungskraft. Lohnen tut es sich allemal. Es geht ums Überleben unserer Welt, wie wir sie heute kennen.


Transport einer Windkraftanlage. (Quelle: imago images/Wolfgang Simlinger)Transport einer Windkraftanlage. (Quelle: Wolfgang Simlinger/imago images)

______________________________

Die Termine des Tages

20 Jahre nach den Balkankriegen sind Teile der Region immer noch instabil. Angela Merkel hat vor sechs Jahren den "Berliner Prozess" gestartet, um Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Nordmazedonien, Montenegro und Serbien zu weiteren Reformen zu ermuntern. Doch die Initiative ist ins Stocken geraten, Populisten setzen auf die nationale Karte, und China versucht, die Staaten auf seine Seite zu ziehen. Heute will die Kanzlerin auf dem virtuellen Westbalkangipfel gegensteuern.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfängt das niederländische Königspaar zu einem Staatsbesuch samt festlichem Bankett im Schloss Bellevue. Vorher besuchen Willem-Alexander und Máxima das Anne-Frank-Zentrum, das Robert Koch-Institut und das Brandenburger Tor. Welkom, Majesteiten!

Gerade war er noch in Polen, heute düst er schon nach Spanien: Außenminister Heiko Maas reist für eine Nuklear-Konferenz nach Madrid. In der Stockholm-Initiative haben sich 16 Länder zusammengeschlossen, um neue Impulse für die Abrüstung von Atomwaffen zu geben. Bei seinem Treffen mit der spanischen Außenministerin geht es anschließend um die Bekämpfung der Corona-Pandemie. Das beliebteste Urlaubsland der Deutschen hat inzwischen wieder die dritthöchsten Infektionszahlen in der EU.

US-Präsident Joe Biden hat am amerikanischen Nationalfeiertag eine Rede gehalten, die mit großem Zinnober angekündigt wurde. Was er zu sagen hatte, erfahren Sie hier

In Hamburg beginnen die Bauarbeiten für den neuen Fernbahnhof in Altona. Die Bahn veranschlagt für das jahrelang verzögerte Vorhaben Kosten von 548 Millionen Euro (die selbstverständlich wie bei allen Großprojekten massiv überzogen werden).

So soll der künftige Fernbahnhof Altona am Diebsteich irgendwann mal aussehen. (Quelle: dpa/Architektenbüro C.F. Møller/dpa)So soll der künftige Fernbahnhof Altona am Diebsteich irgendwann mal aussehen. (Quelle: Architektenbüro C.F. Møller/dpa/dpa)

______________________________

Was lesen?

Die Bundeswehr ist aus Afghanistan abgezogen – und die Taliban erobern immer mehr Bezirke. Was bleibt nach 20 Jahren Einsatz am Hindukusch? Eine Veteranin hat die Fragen meiner Kollegin Saskia Leidinger beantwortet

______________________________

In Afghanistan waren die deutschen Soldaten auf einheimische Übersetzer angewiesen – aber nach ihrem Abzug lassen sie viele von ihnen im Stich. Die Dolmetscher fürchten nun um ihr Leben, denn die Taliban haben geschworen, sie als "Kollaborateure" sofort umzubringen. Ein Betroffener hat den Kollegen von RTL seine Geschichte erzählt

______________________________

Annalena Baerbock steht unter Druck. Nun fordert sogar die linke "Tageszeitung", dass sie die Kanzlerkandidatur dem grünen Co-Chef Robert Habeck überlassen solle.

______________________________

Was amüsiert mich?

Vor Hypes sollte man sich hüten.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen ausgeglichenen Start in die Woche. Bis einschließlich Mittwoch kommt der Tagesanbruch noch von mir, anschließend übernehmen meine lieben Kolleginnen und Kollegen bis Ende Juli. Herzliche Grüße,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

Den täglichen Tagesanbruch-Newsletter können Sie hier kostenlos abonnieren.

Alle Tagesanbruch-Ausgaben finden Sie hier.

Alle Nachrichten lesen Sie hier.

Leserbrief schreiben

Für Kritik oder Anregungen füllen Sie bitte die nachfolgenden Felder aus. Damit wir antworten können, geben Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse an. Vielen Dank für Ihre Mitteilung.

Name
E-Mail
Betreff
Nachricht
Artikel versenden

Empfänger

Absender

Name
Name
E-Mail
E-Mail


shopping-portal

Hinweis:

Der Internet Explorer wird nicht länger von t-online unterstützt!

Um sicherer und schneller zu surfen, wechseln Sie jetzt auf einen aktuellen Browser.

Wir empfehlen unseren kostenlosen t-online-Browser: