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Steigende Inflation: Wie kam es dazu und wie geht es weiter?

Von dpa
Aktualisiert am 15.12.2021Lesedauer: 3 Min.
Nicht nur Energiekosten werden immer teurer.
Nicht nur Energiekosten werden immer teurer. Experten der EZB rechnen aber damit, dass die Inflation im nĂ€chsten Jahr zurĂŒckgehen wird. (Quelle: Christian Charisius/dpa./dpa)
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Frankfurt/Main (dpa) - An der Tankstelle und beim Heizölkauf reiben sich die Verbraucher verwundert die Augen: Die Preise steigen und steigen. Die Teuerung in Deutschland kennt seit Monaten nur eine Richtung: nach oben. Inflationsraten von mehr fĂŒnf Prozent gab es hierzulande zuletzt Anfang der 1990er Jahre, kurz nach der deutschen Wiedervereinigung. Bei vielen Menschen wĂ€chst die Sorge, dass ihr sauer verdientes Geld zunehmend an Wert verliert.

Europas WĂ€hrungshĂŒter, deren oberstes Ziel ein stabiler Euro ist, beschwichtigen: Vieles, was dieInflationzuletzt in die Höhe trieb, seien vorĂŒbergehende Effekte. Etwa steigende Energiepreise und LieferengpĂ€sse infolge der Konjunkturerholung nach der Corona-Krise 2020. "Die Inflation ist derzeit unerwartet hoch, aber wir glauben, dass sie im nĂ€chsten Jahr zurĂŒckgehen wird", sagte etwa der Chefvolkswirt der EuropĂ€ischen Zentralbank (EZB), Philip R. Lane.

EZB rechnet mittelfristig mit Inflation unter zwei Prozent

Bislang sah die EZB kein großes Risiko, dass steigende Löhne zu einem nachhaltigen Anstieg der Inflation fĂŒhren könnten - es also zu einer gefĂ€hrlichen Lohn-Preis-Spirale kommt. "Insgesamt gehen wir weiterhin davon aus, dass die Inflation mittelfristig unter unserem neuen symmetrischen Zwei-Prozent-Ziel bleibt", sagte EZB-PrĂ€sidentin Christine Lagarde jĂŒngst.

Nicht jeder teilt diesen Optimismus. Doch werden tatsĂ€chlich "in Deutschland die inflationĂ€ren Risiken systematisch unterschĂ€tzt", wie es FDP-Chef Christian Lindner Anfang November in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte? "Ich bin kein Kassandrarufer, empfehle aber große Aufmerksamkeit hinsichtlich der Geldentwertung. In Europa sind einige EurolĂ€nder schon stark davon abhĂ€ngig, dass die EZB in großem Umfang ihre Anleihen ankauft, das erschwert ein Umsteuern", fĂŒhrte Linder aus.

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Kritiker warnen schon lĂ€nger vor Folgen der EZB-Geldschwemme fĂŒr die PreisstabilitĂ€t. Doch in den vergangenen Jahren war nicht erkennbar, dass das viele billige Geld die Inflation anheizt. Im Gegenteil: Trotz Nullzinspolitik und milliardenschwerer WertpapierkĂ€ufe verfehlt die EZB seit Jahren ihr Ziel, die jĂ€hrliche Teuerungsrate bei einem Wert mit ausreichend Abstand zur Nullmarke zu verankern. Inzwischen streben die WĂ€hrungshĂŒter mittelfristig zwei Prozent Inflation an.

Sprunghafter Anstieg der Verbraucherpreise verunsichert

Die Inflation sei in den vergangenen Jahren "geradezu vom Radarschirm der Beobachter verschwunden", resĂŒmierte der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing Anfang November im GesprĂ€ch mit der Deutschen Presse-Agentur. Auch deshalb wirke der sprunghafte Anstieg der Verbraucherpreise - sowohl in Deutschland als auch im Euroraum - in jĂŒngerer Zeit fĂŒr viele Menschen so erschreckend.

"Die EZB verweist zu Recht darauf, dass hier temporĂ€re Faktoren eine Rolle spielen", sagte Issing. Zum Beispiel werde Anfang 2022 der Mehrwertsteuereffekt in Deutschland entfallen: In der Corona-Krise 2020 hatte die Bundesregierung die MehrwertsteuersĂ€tze fĂŒr ein halbes Jahr gesenkt, um den Konsum anzukurbeln. Seit Anfang 2021 gelten wieder die regulĂ€ren SĂ€tze, das verteuerte Waren und Dienstleistungen im Jahresvergleich und trieb die Inflation nach oben. Auch viele LieferkettenengpĂ€sse hĂ€tten zuletzt zu Preissteigerungen gefĂŒhrt, erklĂ€rte Issing.

Energie jedoch werde nach seiner EinschĂ€tzung tendenziell eher teurer werden, sagte Issing, "schon allein, weil sich der CO2-Preis erhöhen muss". Vieles, was mit dem Klimawandel zu tun habe, werde zu einer Verteuerung der Produktion fĂŒhren. "Das heißt, ich gehe nicht davon aus, dass die Inflation auf Dauer so niedrig bleiben wird, wie wir es gewohnt waren ĂŒber viele Jahre", so Issings Fazit. "Zu Beginn des nĂ€chsten Jahres ist allerdings mit einem vorĂŒbergehenden deutlichen RĂŒckgang zu rechnen."

Inflationsrisiken auch 2022 nicht unterschÀtzen

Tendenziell Entspannung beim Thema Teuerung also 2022 - das ist Konsens unter Volkswirten. Der SachverstĂ€ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung prognostiziert in seinem jĂŒngsten Gutachten fĂŒr 2022 einen RĂŒckgang der Inflationsrate in Deutschland auf 2,6 Prozent. Allerdings raten auch die "Wirtschaftsweisen" dazu, Inflationsrisiken nicht zu unterschĂ€tzen: LĂ€nger anhaltende LieferengpĂ€sse, höhere LohnabschlĂŒsse und steigende Energiepreise bergen nach ihrer EinschĂ€tzung das Risiko, dass "eigentlich temporĂ€re Preistreiber" zu anhaltend höheren Inflationsraten fĂŒhren könnten.

Insbesondere der erhebliche Anstieg der Energiepreise birgt sozialen Sprengstoff, das hat auch die Politik erkannt. Die Liste der VorschlĂ€ge fĂŒr Gegenmaßnahmen ist lang. Der Koalitionsvertrag von SPD, GrĂŒnen und FDP sieht fĂŒr Anfang 2023 die Abschaffung der EEG-Umlage zur Förderung des Ökostroms vor, die die Stromkunden ĂŒber ihre Rechnung bezahlen. CSU-Chef Markus Söder brachte eine Mehrwertsteuersenkung fĂŒr Benzin ins Spiel. Frankreich schlug eine Reform des EU-Strommarktes vor und VerbraucherschĂŒtzer forderten eine Erhöhung des Wohngelds, "damit niemand in diesem Winter frieren muss".

Ein kleiner Trost fĂŒr Deutschlands Verbraucher: Der Anstieg der Verbraucherpreise ist kein deutsches oder europĂ€isches PhĂ€nomen. In den USA beispielsweise lag die Inflation zuletzt bei deutlich ĂŒber sechs Prozent.

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