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Zehn Jahre Fukushima: "Sowas hätten wir in Deutschland sicher nicht erlebt"


Zehn Jahre Fukushima  

War der Atomausstieg wirklich sinnvoll?

11.03.2021, 12:22 Uhr
Atomkraft in Deutschland: Diese AKWs sind noch in Betrieb

Die Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 sorgte für ein Umdenken in der Energiepolitik – auch in Deutschland. t-online zeigt, wo die deutschen Atomkraftwerke stehen und welche noch genutzt werden. (Quelle: t-online/Reuters)

Nach Fukushima-Katastrophe: Die Karte im Video zeigt, wo AKWs in Deutschland stehen und wie viel Laufzeit den verbleibenden Kraftwerken noch bleibt. (Quelle: t-online)


Vor zehn Jahren erschütterte die Fukushima-Katastrophe Japan – und auch Deutschland. Die Bundesregierung verkündete in der Folge den Ausstieg aus der Kernkraft. Doch war das eigentlich sinnvoll?

Es ist der 11. März 2011, eigentlich ein Tag wie jeder andere. Doch dieser Tag sollte sehr viel verändern. Meterhohe Wellen stürzten auf die japanische Küste, erfassten das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi.

Kurze Zeit später kommt es zu mehreren Explosionen, ein Reaktor stürzt ein, Rauchwolken steigen auf. Die Bilder der Fukushima-Katastrophe gehen um die Welt.

Ortswechsel. In Deutschland, rund 9.000 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt, markierte die Fukushima-Katastrophe das Aus für die Atomkraft. Doch wie kam es dazu? Was bedeutet der Atomausstieg – für die Energiewende in Deutschland und für die Strompreise? Und war er wirklich sinnvoll? t-online klärt die wichtigsten Fragen.

Wie kam es zum deutschen Atomausstieg?

Auslöser des endgültigen Ausstiegs Deutschlands aus der Atomverstromung war die Fukushima-Katastrophe.

Japan erlebte am 11. März das schwerste Erdbeben seiner Geschichte mit einer Stärke von 9,0 und einem anschließenden Tsunami, der zu Kernschmelzen im Atomkraftwerk Fukushima Daichii führte. Der Super-GAU tritt ein.

So entsteht ein Tsunami.So entsteht ein Tsunami.

Radioaktive Emissionen wurden freigesetzt und kontaminierten die Umgebung, die Regierung rief den atomaren Notfall aus. Die Region wird evakuiert, Hunderttausende Menschen verlieren ihr Zuhause.

Zeitgleich beginnt in Deutschland ein Wochenende, an dessen Ende ein historischer Entschluss stehen wird. Am Montag, 14. März 2011, drei Tage nach dem Tsunami und dem Reaktorunglück, tritt Kanzlerin Angela Merkel in Berlin vor die Presse. "Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", sagt die Bundeskanzlerin damals.

Was sie verkündete: Die Bundesregierung setzt die Atomlaufzeiten für drei Monate aus – ein "Atom-Moratorium" tritt in Kraft. Alte Reaktoren, die nur wegen der verlängerten Laufzeiten noch am Netz sind, sollen vorübergehend abgeschaltet werden.

Dabei hatte die Bundesregierung erst wenige Monate zuvor, im Herbst 2010, eine Verlängerung der Laufzeiten beschlossen – und damit den einst von der rot-grünen Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) geplanten Atomausstieg rückgängig gemacht.

Ausstieg aus der Atomkraft bis Ende 2022

Am 30. Juni 2011 beschließt der Bundestag dann den endgültigen Atomausstieg. Acht Atomkraftwerke werden sofort stillgelegt. Die übrigen neun sollen stufenweise bis Ende 2022 vom Netz gehen. SPD und Grüne unterstützen den Kurs der Koalition von CDU/CSU und FDP. 

Eine Folge: Die AKW-Betreiber Eon, RWE und Vattenfall wehren sich gegen den Atomausstieg – mit einem Teilerfolg. Im Dezember 2016 billigt das Bundesverfassungsgericht zwar den schnellen Ausstieg aus der Atomenergie grundsätzlich, spricht den Energiekonzernen aber eine "angemessene" Entschädigung zu.

Weitere fünf Jahre später, Anfang März 2021, verständigt sich die Bundesregierung final mit den Betreibern der Atomkraftwerke in Deutschland auf die Höhe der Entschädigungen: Die Konzerne RWE, Vattenfall, Eon/PreussenElektra und EnBW sollen vom Bund 2,43 Milliarden Euro für den vorzeitigen Atomausstieg erhalten.

Mit der Einigung wären den Angaben zufolge nach zehn Jahren alle bestehenden Rechtsstreitigkeiten beigelegt – und der Atomausstieg endgültig vollzogen.

Wie sieht die Energiewende in Deutschland aus?

Mit dem Ausstieg aus der Atomkraft vollzieht Deutschland eine Energiewende – hin zu Wind- und Sonnenenergie. Das zeigt sich auch in der Statistik.

Betrug im Jahr 2000 der Anteil der erneuerbaren Energien an der Bruttostromerzeugung noch 6,6 Prozent, belief er sich im vergangenen Jahr nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft auf 44,6 Prozent. Bis 2030 will Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bis zu 80 Prozent erreichen.

Energiesektor für Klimaschutz entscheidend

Das ist aber auch notwendig. Denn: Deutschland hat nicht nur den Atomausstieg beschlossen, sondern quasi parallel auch das Ende der Kohleverstromung. Bis spätestens 2038 will die Politik alle Kohlekraftwerke stilllegen – für den Klimaschutz.

Der Energiesektor ist im Kampf gegen die Klimakrise enorm wichtig, weil er den größten Teil der CO2-Emissionen verursacht – 2018 waren es rund 36 Prozent. Damit die Energiewende also gelingen kann, muss der Ökostromanteil schnell weiter steigen.

Doch das Manöver betrachten viele Energiespezialisten als gewagt. Experten etwa von der Denkfabrik Agora Energiewende halten es für gut möglich, dass in die Stromlücke, die die Abkehr von der Kernenergie hinterlässt, doch erst mal wieder Kohlekraftwerke stoßen und der CO2-Ausstoß ansteigt.

Brauchen wir doch wieder die Kohle?

Manfred Fischedick, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, ist da optimistischer. "Ich bin mir sicher, dass wir die Energiewende schaffen werden – auch ohne zwischenzeitlich auf die Kohle zu setzen", sagt er im Gespräch mit t-online. Das liege etwa daran, dass die erneuerbaren Energien mittlerweile deutlich kostengünstiger geworden seien.

Doch auch der Emissionshandel spiele hier eine Rolle. "Kohlestrom wird in den kommenden Jahren deutlich teurer werden und damit immer weniger lohnen."

Dass das Abschalten der Atommeiler Versorgungsengpässe ausgelöst hatte, schließen Experten in jedem Fall aus. "Der Atomausstieg ging reibungslos über die Bühne. So hatte das kaum jemand erwartet – mich eingeschlossen", so Fischedick. "Der schnelle Ausbau erneuerbarer Energien hat den rückläufigen Atomstrombeitrag überkompensiert."

Was bedeutet der Atomausstieg für Verbraucher?

Für die Haushalte in Deutschland ist Strom in den vergangenen Jahren deutlich teurer geworden. Das liegt aber nicht ausschließlich am Atomausstieg. Der Preisanstieg hat schon vor der schrittweisen Abschaltung der Kernkraftwerke eingesetzt.

Nach Zahlen der Bundesnetzagentur verteuerte sich der Preis für eine Kilowattstunde von knapp 19 Cent im Jahr 2006 über gut 25 Cent im Fukushima-Jahr 2011 auf 32 Cent im vergangenen Jahr. Wichtigster Preistreiber war dabei die EEG-Umlage zur Förderung des Ökostroms. Mehr dazu lesen Sie hier. Mit knapp einem Cent pro Kilowattstunde schlug die Umlage im Jahr 2006 zu Buche, aktuell zahlen die Haushalte 6,5 Cent.

"Erneuerbare Energien waren vor zehn Jahren noch deutlich teurer und mussten durch politische Programme unterstützt werden. Für Privatkunden wurde der Strom deshalb durch die Energiewende teurer", sagt Fischedick vom Wuppertal Institut. "Doch mittlerweile sind erneuerbare Energien wettbewerbsfähig. Die Strompreise werden langfristig sinken."

War der Atomausstieg sinnvoll?

Das ist die Frage, an der sich die Geister scheiden – und bei deren Beantwortung viele schnell in ideologische Denkmuster abdriften. Die meisten Umweltschützer sagen: Ja, der Atomausstieg war sinnvoll. Die Technologie ist veraltet und birgt zu hohe Risiken.

Vollkommen anders sieht das etwa Rainer Klute. Der Informatiker hat nach der Fukushima-Katastrophe den Pro-Kernenergie-Verein "Nuklearia" gegründet – und kämpft seitdem für eine Renaissance der Atomkraft.

Fragt man ihn nach dem deutschen Weg aus der Kernenergie, liefert er schnell deutliche Antworten: "Der Atomausstieg war falsch – und politisch motiviert". Als Grund führt er den menschengemachten Klimawandel an. "Gegen die Klimakrise und ihre Folgen brauchen wir die Kernenergie. Denn Atomkraft liefert CO2-freien Strom."

Damit hat er recht. Bei der reinen Energieerzeugung mit Atomkraft entstehen deutlich weniger CO2-Emissionen als etwa mit Kohle. Allerdings steckt auch hier der Teufel im Detail. Denn bei Bau, Betrieb oder auch beim Rückbau fallen durchaus klimaschädliche Treibhausgase an. Unabhängig vom CO2-Ausstoß verweisen Atomkritiker auf die weiter ungeklärte Endlagerfrage für den strahlenden Atommüll. Zudem steht das Risiko eines GAUs, nicht zuletzt durch einen Flugzeugabsturz oder gar Terroranschlag, weiter im Raum.

Bei derlei Risiken wiegelt Klute ab: "Atomkraft hier in Deutschland war und ist sicher. Wir hätten in Deutschland sicher kein Fukushima erlebt – und werden dies auch nicht."

Diese AKWs sind in Deutschland noch im Betrieb.Diese AKWs sind in Deutschland noch im Betrieb.

"Wir haben die Not zur Tugend gemacht"

Anders sieht das Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut. "Vor zehn Jahren war es vielleicht noch nachvollziehbar zu behaupten, dass Klimaschutz mit Atomkraft einfacher geht. Mittlerweile sind wir in der Debatte viel weiter", so der Klimaforscher. 

"Der Atomausstieg war notwendig, Kernenergie ist einfach zu gefährlich und wir haben bessere Alternativen." Damit meint er erneuerbare Energien, wie Wind- oder Sonnenenergie.

Er geht sogar davon aus, dass der Ausstieg aus der Kernkraft den erneuerbaren Energien ohnehin erst den nötigen Schwung gegeben habe. "Der Druck für den Ausbau erneuerbarer Energien war durch den Atomausstieg viel höher", so der Klimaforscher. "Vor allem wegen des Ausstiegs aus der Kernenergie haben wir es binnen kurzer Zeit geschafft, auf erneuerbare Energien zu setzen. Wir haben die Not zur Tugend gemacht."

Ist der Wiedereinstieg wahrscheinlich?

Nein, der Wiedereinstieg in die Atomenergie ist nahezu ausgeschlossen. Denn dafür müsste der Bundestag den beschlossenen Atomausstieg rückgängig machen. Doch ob sich dafür auf Bundesebene eine Mehrheit findet, ist mehr als fraglich. Auch unabhängig davon gilt: Selbst die AKW-Betreiber haben sich mittlerweile mit dem Ausstieg aus der Kernenergie abgefunden, der Atomkraft fehlt also eine starke Lobby.

Atomstrom habe durch die Energiewende keine dauerhafte Perspektive mehr, sagt auch Andreas Löschel von der Uni Münster. Löschel leitet auch die Expertenkommission der Bundesregierung zum Monitoring der Energiewende. "Mit der starken Zunahme der erneuerbaren Energien ist der Bedarf nach dauernd laufenden Kernkraftwerken sehr klein geworden."

Kernkraftwerke könnten wahrscheinlich in Zukunft nicht mehr rentabel betrieben werden. Auch eine jüngste Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bescheinigt der Atomkraft, "aus ökonomischer Sicht nicht zukunftsträchtig" zu sein. "Vor diesem Hintergrund hat man in den Konzernzentralen der Kernkraft wohl nur eine Träne nachgeweint", so Löschel.

Für "Folgen des Klimawandels" brauche es Atomkraft

Letzteres sieht Kernenergiebefürworter Klute ähnlich: "Die Stromkonzerne haben eine hohe Milliardenentschädigung eingestrichen – und wollen die Atomkraft selbst nicht mehr."

Er fordert trotzdem den Wiedereinstieg in die Kernkraft. "Es könnte noch Jahre dauern, bis neue Kernkraftwerke in Deutschland gebaut sind", so Klute. "Doch um mit den Folgen des Klimawandels besser fertig zu werden, werden wir sie auch dann noch dringend brauchen."

Klute meint damit: Selbst wenn wir den Klimawandel nicht aufhalten können – wofür einiges spricht – ist die Energiefrage noch relevant oder gar noch relevanter. Denn beispielsweise für Baumaßnahmen gegen Überflutung oder Trinkwassergewinnung für die Landwirtschaft brauche es saubere, zuverlässige Energie, sagt Klute, und da käme die Atomkraft ins Spiel.

Wohin mit dem Atommüll?

Für das Problem des radioaktiven Atommülls ist derweil noch keine endgültige Lösung gefunden. Bislang existieren nur Zwischenlager, etwa in Gorleben. Bis 2031 soll ein Endlager gefunden sein, bis 2050 soll dann das Lager in Betrieb gehen. Die Krux dabei: Der Atommüll müsste am besten eine Million Jahre sicher gelagert werden – erst dann ist er vollkommen unschädlich.

Zuständig ist hier die extra dafür gegründete Bundesgesellschaft für Endlagerung, die in ganz Deutschland nach möglichen Lagerstätten sucht. Das Salzbergwerk in Gorleben kommt derweil nicht mehr infrage.

Bislang wird am Recycling des Atommülls geforscht. Bei der sogenannten Transmutation versucht man, aus hochradioaktivem Abfall Müll zu machen, der weniger strahlt – und für den es nicht solch hohe Sicherheitsvorkehrungen bräuchte. Bis eine Lösung auf diesem Gebiet gefunden ist, wird es aber noch dauern. Für den deutschen Energiemarkt wird das sicher keine Rolle mehr spielen.

Verwendete Quellen:


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