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"Die gesamte Branche wird die Preise anheben m├╝ssen"

  • Mauritius Kloft
Von Mauritius Kloft

Aktualisiert am 25.12.2021Lesedauer: 10 Min.
Dem Traditionsunternehmen sei "Nachhaltigkeit ├╝brigens schon sehr lange wichtig", betont B├╝hlbecker. Seit 2017 verarbeitet die Firma nur noch Fairtrade-Schokolade.
Dem Traditionsunternehmen sei "Nachhaltigkeit ├╝brigens schon sehr lange wichtig", betont B├╝hlbecker. Seit 2017 verarbeitet die Firma nur noch Fairtrade-Schokolade. (Quelle: Thomas Banneyer/T-Online-bilder)
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F├╝r Hermann B├╝hlbecker ist Weihnachten unzertrennlich mit seinem Unternehmen verbunden: dem Lebkuchen-Traditionskonzern Lambertz. Ein Gespr├Ąch ├╝ber Corona, sein Lebenswerk ÔÇô und ihn selbst.

Weihnachten: Dazu geh├Âren bei vielen Deutschen Lebkuchen, Dominosteine, Spekulatius oder Christstollen. Einer, der sich damit auskennt, ist Hermann B├╝hlbecker. Ihm geh├Ârt der Weltmarktf├╝hrer f├╝r Weihnachtsgeb├Ąck, die Aachener Firmengruppe Lambertz ÔÇô mit bekannten Marken wie Weiss, Kinkartz oder eben Lambertz selbst.

Wer die vergangenen Wochen im Supermarkt f├╝r den Weihnachtsteller eingekauft hat, wird mit ziemlich gro├čer Wahrscheinlichkeit mit einem seiner S├╝├čwaren nach Hause gegangen sein. Denn er beliefert auch die gro├čen Discounterketten mit Eigenmarken.

t-online hat ihn im Stammwerk in Aachen besucht ÔÇô und mit ihm ├╝ber die Herausforderungen der Corona-Krise, sein S├╝├čwaren-Imperium und seine Person gesprochen. Denn B├╝hlbecker ist einer der schillerndsten Unternehmer Deutschlands (lesen Sie hier ein Portr├Ąt ├╝ber ihn).

t-online: Herr B├╝hlbecker, wir feiern nun das zweite Corona-Weihnachten. Wie Pandemie-m├╝de sind Sie?

Hermann B├╝hlbecker: Sehr m├╝de. Das Thema ist zu dominant. Es gibt keine Nachrichtensendung im Fernsehen, in der das Virus nicht im Mittelpunkt steht. Wir bei Lambertz haben zwar noch Gl├╝ck. Schlie├člich stellen wir Produkte her, die systemrelevant sind, die trotz Krise gefragt sind und verkauft werden. In allen Werken konnten wir deshalb normal produzieren und den Markt bedienen.

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Hermann B├╝hlbecker hat zum Interview in den Besprechungsraum "Galerie" im Aachener Stammwerk geladen. Vor B├╝hlbecker auf dem Tisch: die Kekse und Lebkuchen aus seinem Unternehmen.
Hermann B├╝hlbecker hat zum Interview in den Besprechungsraum "Galerie" im Aachener Stammwerk geladen. Vor B├╝hlbecker auf dem Tisch: die Kekse und Lebkuchen seines Unternehmens. (Quelle: Thomas Banneyer/T-Online-bilder)

Das hei├čt, Sie sind ein Corona-Gewinner?

Nein, das nun auch wieder nicht. Denn obwohl wir grunds├Ątzlich halbwegs gut durch die Krise gekommen sind, haben auch wir Kunden verloren, beispielsweise durch r├╝ckl├Ąufige Frequenzen in den Flugh├Ąfen und ihren Verkaufsstellen. Auch der Absatz in den Kaufh├Ąusern ging deutlich zur├╝ck. Und dann sind da noch die Weihnachtsm├Ąrkte, die abgesagt wurden. Auch das hat Lambertz getroffen, genauso wie das internationale Gesch├Ąft, das stark gelitten hat. Aber: Wir k├Ąmpfen uns durch mit erheblichen Mehrkosten, um Corona-gerecht produzieren zu k├Ânnen.

Mussten Sie daf├╝r auch Kurzarbeit einf├╝hren?

Nein, Mittel wie Kurzarbeit brauchten wir nicht. Wir haben stets betont, dass wir kein Geld vom Staat wollen. Das haben wir geschafft. Lambertz hat keinerlei staatliche Hilfe annehmen m├╝ssen.

Wie ist Ihnen das gelungen?

Nun ja, wir haben unsere Ums├Ątze ausgeglichen. Dazu mussten wir auch unsere Produktion umstellen: Weniger Dosen f├╝rs internationale Gesch├Ąft, weniger Konferenzkekse. Daf├╝r haben wir mehr Geb├Ącke f├╝r den Lebensmittelhandel produziert.

Hermann B├╝hlbecker, geboren 1950, ist Alleininhaber der Lambertz-Gruppe. B├╝hlbecker studierte BWL, trat nach seiner Promotion 1976 ins Familienunternehmen ein und baute es zum Marktf├╝hrer f├╝r Saisongeb├Ąck aus. B├╝hlbecker veranstaltet die "Lambertz Monday Night", eine Modenschau im Rahmen der Internationalen S├╝├čwarenmesse in K├Âln, vergibt den Lambertz-Nationenpreis beim Reitturnier CHIO in Aachen und bringt j├Ąhrlich einen Kalender mit Topmodels heraus. B├╝hlbecker ist zudem Honorarkonsul der Elfenbeink├╝ste, dem gr├Â├čten Kakaoproduzenten der Welt. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat eine Tochter.

Zuletzt sind die Rohstoff- und Energiepreise deutlich gestiegen. Wie sehr ist das f├╝r Lambertz ein Problem?

Das ist eine gewaltige Herausforderung. Die Preise f├╝r Butter, Mehl, Zucker, Schokolade und auch in den Bereichen Verpackungen, Energie und Logistik sind regelrecht explodiert.

"Wir suchen h├Ąnderingend Fahrer, die unsere Produkte ausliefern", sagt Hermann B├╝hlbecker.
"Wir suchen h├Ąnderingend Fahrer, die unsere Produkte ausliefern", sagt Hermann B├╝hlbecker. (Quelle: Thomas Banneyer/T-Online-bilder)

Alles Zutaten, die f├╝r Ihre Produkte wichtig sind.

Genau. Fr├╝her konnten wir solche Preisspitzen ganz gut ausgleichen, etwa durch Einsparungen bei den Energie- und Personalkosten. Das geht jetzt aber auch nicht mehr, im Gegenteil: Wir suchen zum Beispiel h├Ąnderingend Fahrer, die unsere Produkte ausliefern. Streckenweise haben wir kaum neue Mitarbeiter f├╝r die Produktion bekommen, auch nicht aus dem Ausland. Die Verteuerungen beim Strom und beim Personal sind dramatisch, das geht in die Millionenh├Âhe. Doch es gibt noch ein viel gr├Â├čeres Problem.

N├Ąmlich?

Die Lieferkettenprobleme machen aktuell fast allen Firmen das Leben schwer, auch uns. Da stecken unglaublich viele Risiken drin. Die globale Logistik gleicht fast einer Wundert├╝te, bei der man nicht wei├č, was am Ende herauskommt.

Das m├╝ssen Sie bitte erkl├Ąren.

Die Lieferstr├Âme auf der ganzen Welt sind durcheinandergeraten. Um es konkret zu machen: Lambertz ist Marktf├╝hrer bei Saisonartikeln. Das hei├čt, wir m├╝ssen in Vorleistung gehen. Von Juni bis August produzieren wir Lebkuchen, Dominosteine und Stollen. Anschlie├čend liefern wir die Produkte an den Handel aus. Das Geld daf├╝r bekommen wir aber erst im Dezember oder Januar, dann, wenn unsere Waren verkauft sind. Wenn aber unklar ist, wann welches Containerschiff im Hafen ausl├Ąuft, sind Lieferzusagen schwer einzuhalten. Wir hatten noch nie so ein schwieriges Jahr wie 2021. In Deutschland ist es uns noch gelungen, unsere Vertr├Ąge zu erf├╝llen. In den USA aber leider nicht. Die Ware ist teilweise im Hafen geblieben und hat den Handel gar nicht erreicht.

Dominosteine von Lambertz: Das Unternehmen ist Weltmarktf├╝hrer f├╝r Saisongeb├Ąck.
Dominosteine von Lambertz: Das Unternehmen ist Weltmarktf├╝hrer f├╝r Saisongeb├Ąck.

Warum?

An Lambertz liegt es jedenfalls nicht.

Sondern?

Wir haben die Ware fr├╝h genug geliefert. Doch unsere Kekse liegen zurzeit im Hafen und kommen nicht beim H├Ąndler an ÔÇô geschweige denn beim Kunden. Wir m├╝ssen Millionen Dollar an Hafengeb├╝hr zahlen. F├╝r nichts und wieder nichts.

Wie geht es 2022 weiter?

F├╝rs n├Ąchste Jahr sieht es d├╝ster aus. Aktuell tun sich Probleme auf, die wir aus der Vergangenheit gar nicht kennen. Fast kein Bereich l├Ąuft normal.

Wie meinen Sie das?

In den n├Ąchsten Wochen steigen wir in die Gespr├Ąche mit dem Handel ein. Es wird in jedem Fall teurer werden. Doch Stand jetzt werden wir froh sein k├Ânnen, wenn wir alle Verpackungen bekommen, zum Beispiel die Lebkuchendosen aus Asien, und lieferf├Ąhig sind. Die Kernfrage bleibt: Schaffen wir es termingerecht, unsere Produkte zu den Kunden zu bringen? Wir fragen unsere Lieferanten oft gar nicht mehr nach den Preisen. Alles, was fr├╝her f├╝r uns selbstverst├Ąndlich war, ist es nicht mehr.

Was hei├čt das alles f├╝r die Endverbraucher?

Zun├Ąchst wenig.

Wieso das?

Weil der Wettbewerb im Lebensmittelhandel hart ist. Deshalb sind die Lebensmittel in Deutschland sehr g├╝nstig. Eine Packung unserer bekannten Lebkuchen "Herzen, Sterne, Brezeln", 500 Gramm, kostet zum Beispiel 1,79 Euro im Discounthandel. In Belgien oder Frankreich zahlen Sie dagegen fast das Doppelte. Wenn diese Produkte im n├Ąchsten Jahr etwas teurer werden, also 1,89 Euro oder 1,99 Euro kosten, schreckt das die Kunden sicher nicht ab. Das ist meine Einsch├Ątzung, wobei die Entscheidungen ├╝ber die Preise vom Handel getroffen werden.

"Herzen, Sterne, Brezeln" von Weiss. Die Firma geh├Ârt zur B├╝hlbeckers Lambertz-Gruppe.
"Herzen, Sterne, Brezeln" von Weiss. Die Firma geh├Ârt zur B├╝hlbeckers Lambertz-Gruppe.
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Da sind Sie aber optimistisch.

Ich bin Realist. Lebkuchen geh├Âren in die Vorweihnachtszeit ÔÇô auch wenn sie etwas teurer werden sollten. Und ├╝berhaupt: Die gesamte Branche wird die Preise wohl anheben m├╝ssen. Deshalb bricht der Markt nicht zusammen. F├╝r die Verbraucher w├Ąre das sicher keine Katastrophe. Der letzte Cent Preiserh├Âhung verliert an Bedeutung, wenn wir nicht mehr liefern k├Ânnen und der Verbraucher Produkte gar nicht erst kaufen kann.

Die Lambertz-Gruppe ist einer der gr├Â├čten deutschen S├╝├čwarenproduzenten. Das Unternehmen erwirtschaftet aktuell mit mehr als 4.000 Mitarbeitern in sieben Fabriken in Deutschland und Polen einen Umsatz von mehr als 650 Millionen Euro. Zu der Gruppe geh├Âren insgesamt 25 Tochterfirmen, unter anderem die Marken "Lambertz", "Kinkartz", "Haeberlein-Metzger", "Dr. Quendt" und "Weiss Lebkuchen". Die Gr├╝ndung des Unternehmens geht aufs Jahr 1688 zur├╝ck, der Namensgeber Henry Lambertz stie├č aber erst 170 Jahre sp├Ąter dazu.

Schauen wir auf die n├Ąhere Zukunft. Die neuerlichen Kontaktbeschr├Ąnkungen f├╝r Geimpfte wegen der Omikron-Variante kommen am 28. Dezember. Deutschland droht wegen der Mutation gar ein neuer Lockdown. Wie hart w├╝rde der Ihr Unternehmen treffen?

Kassandra-Rufe gibt es wohl genug. Das gilt auch f├╝r die neue Omikron-Variante, die ja wohl ansteckender, aber nicht gef├Ąhrlicher ist. Neue Studien aus England und S├╝dafrika ÔÇô wie aus Medienberichten hervorgeht ÔÇô deuten sogar auf einen eher milderen Verlauf hin. Es ist sicher wichtig, dass wir sehr wachsam sind. Ich pers├Ânlich halte einen kompletten Lockdown f├╝r nicht gerechtfertigt und zielf├╝hrend. Es ist wichtig, die ├älteren und Vorerkrankten zu sch├╝tzen. Wir werden lernen m├╝ssen, mit Corona zu leben.

Das klingt ein wenig, als wollten Sie Corona verharmlosen.

Von wegen! Mir ist bewusst, dass wir es mit einem gef├Ąhrlichen Virus zu tun haben. Doch ich denke auch: Wir k├Ânnen uns nicht vor allem sch├╝tzen.

"Nat├╝rlich w├Ąre es das Beste, wenn alle sich impfen lie├čen", so Hermann B├╝hlbecker, der mit seinen 71 Jahren zu den Corona-Risikopatienten z├Ąhlt.
"Nat├╝rlich w├Ąre es das Beste, wenn alle sich impfen lie├čen", so Hermann B├╝hlbecker, der mit seinen 71 Jahren zu den Corona-Risikopatienten z├Ąhlt. (Quelle: Thomas Banneyer/T-Online-bilder)

Den besten Schutz bietet eine Impfung. Was halten Sie von einer allgemeinen Impfpflicht, die aktuell diskutiert wird?

Ich finde das sehr schwierig.

Warum?

Weil ich nicht glaube, dass auf einen Schlag alles wieder normal wird, wenn alle geimpft sind. Corona wird uns noch lange begleiten. Deshalb sollten wir unsere Krankenh├Ąuser besser unterst├╝tzen. Es kann doch nicht sein, dass wir jetzt weniger Intensivbetten haben als noch vor einem Jahr. Au├čerdem: Warum bezahlen wir das Pflegepersonal nicht besser? Warum hat die Politik nichts in diese Richtung unternommen?

Einspruch! Wenn die gesamte Bev├Âlkerung geimpft w├Ąre, bek├Ąmen wir die Pandemie sehr wohl in den Griff.

Nat├╝rlich w├Ąre es das Beste, wenn alle sich impfen lie├čen. Aber selbst damit w├Ąre das Problem noch nicht vollst├Ąndig gel├Âst. Zwang ist sicher nicht das beste Mittel, um das Ziel zu erreichen. Ich warne davor, so zu tun, als seien die Ungeimpften das alleinige Problem. Im Moment k├Ânnen wir eine gro├če Impfbereitschaft feststellen. Aber wir tun nicht gut daran, eine Minderheit zu verteufeln. Es ist nicht sch├Ân, Deutschland in verschiedene Klassen einzuteilen.

Finden Sie denn, das ist aktuell der Fall?

Ja. Die 2G-Regel schlie├čt Millionen Menschen vom gesellschaftlichen Leben aus. Das halte ich f├╝r problematisch. Zumal im Moment ja auch Geimpfte andere anstecken. Dabei werden andere Probleme nicht beachtet.

Das m├╝ssen Sie ausf├╝hren.

Durch die Ma├čnahmen gegen Corona gibt es schlimme Kollateralsch├Ąden im gesundheitlichen Bereich, die kaum beachtet werden: psychische Probleme, Menschen, die in die Alkoholabh├Ąngigkeit rutschen, Erwachsene und Kinder, die vereinsamen. Jeder Firmenchef muss seine unternehmerischen Entscheidungen mit allen Konsequenzen abw├Ągen ÔÇô die Politik aber l├Ąsst vieles vollst├Ąndig au├čer Acht. Und wer auf Probleme hinweist, wird negativ bewertet.

"Notorische Corona-Leugner schaden unserem Land", sagt Lambertz-Inhaber B├╝hlbecker. "Aber es ist auch nicht in Ordnung, grunds├Ątzlich alle Leute zu verteufeln, die eine andere Meinung haben."
"Notorische Corona-Leugner schaden unserem Land", sagt Lambertz-Inhaber B├╝hlbecker. "Aber es ist auch nicht in Ordnung, grunds├Ątzlich alle Leute zu verteufeln, die eine andere Meinung haben." (Quelle: Thomas Banneyer/T-Online-bilder)

Harte Kritik.

Die Corona-Diskussionen werden viel zu pers├Ânlich gef├╝hrt. Es l├Ąuft fast nur noch dogmatisch ab, auch im wissenschaftlichen Diskurs.

Aber sind es nicht vor allem Verschw├Ârungstheoretiker, Corona-Schwurbler und gewaltt├Ątige Impfgegner, die das gesellschaftliche Klima vergiften?

Sicherlich. Notorische Corona-Leugner schaden unserem Land. Aber es ist auch nicht in Ordnung, grunds├Ątzlich alle Leute zu verteufeln, die eine andere Meinung haben. Auf einer Corona-Demo gibt es sicher Rechtsradikale und auch linke Esoteriker, die f├╝r wissenschaftliche Argumente nicht mehr zug├Ąnglich sind. Doch auf den Demos sind auch wirtschaftlich Betroffene, die weder rechts- noch linksradikal sind. Menschen, die einfach nicht mehr k├Ânnen. Und diese Menschen sollten auch geh├Ârt werden.

Diesen Betroffenen aber hilft der Staat doch, oder?

Ja, der Bund greift vielen Firmen unter die Arme. Das ist folgerichtig. Doch finde ich es entw├╝rdigend f├╝r einen Unternehmer, dauerhaft von staatlichen Hilfen zu leben, zumal diese zum Teil ja auch wieder zur├╝ckgezahlt werden m├╝ssen. Und seien wir ehrlich: Die Insolvenzwelle wird kommen. Vielleicht noch nicht gleich jetzt, aber sie wird kommen. Und dann profitieren am Ende Gro├čkonzerne wie zum Beispiel Amazon, die ÔÇô anders als der deutsche Mittelstand ÔÇô zum Teil kaum Steuern zahlen. Das kann nicht im Interesse der Politik sein.

Hermann B├╝hlbecker will der neuen Ampel-Regierung "eine faire Chance geben". Die fr├╝here Bundesregierung unter Angela Merkel kritisiert er indes.
Hermann B├╝hlbecker will der neuen Ampelregierung "eine faire Chance geben". Die fr├╝here Bundesregierung unter Angela Merkel kritisiert er indes. (Quelle: Thomas Banneyer/T-Online-bilder)

"Die Politik" l├Ąsst sich jetzt mit "Ampel" ├╝bersetzen. Wie sehr trauen Sie der neuen Regierung den viel versprochenen Fortschritt zu?

Ich bin da sehr zuversichtlich. Man muss ja sagen, wie es ist: Die vergangenen Jahre wurde ja mehr verwaltet als regiert. Die gro├če Koalition pflegte lieber verkrustete Strukturen, als die wirklichen Probleme anzugehen, zum Beispiel die Digitalisierung. Die neue Regierung dagegen tritt mit viel Esprit und Power auf, mit so viel Engagement. Die wollen etwas bewirken. Wir sollten ihnen daher eine faire Chance geben.

Gilt das auch f├╝r den Klimaschutz, ├╝ber den die Wirtschaft gerne klagt?

Auch hier d├╝rfen wir nicht nur Schwarz und Wei├č sehen. Selbstverst├Ąndlich muss Deutschland dringend etwas tun, den CO2-Aussto├č reduzieren. Doch wenn es uns nicht gelingt, dass Europa und die Welt mitmachen, bringt uns das alles nicht genug. Das Klima macht nicht an Grenzen halt. Und bei Lambertz ist Nachhaltigkeit ├╝brigens schon sehr lange wichtig.

Ach ja?

Ja. Lambertz besteht jetzt seit 333 Jahren. Erfolgsgarant f├╝r diese lange Unternehmensgeschichte war immer auch der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen.

Und wie setzen Sie heute Nachhaltigkeit um?

Seit 2017 verarbeiten wir nur noch Fairtrade-Schokolade. Wir haben vegane Kekse im Sortiment, stellen mittlerweile mehr Bio-Geb├Ąck als Printen her. Nachhaltigkeit ist f├╝r uns ein zentrales Thema in der Unternehmensagenda ÔÇô gerade in Bezug auf ├Âkozertifizierte Rohstoffe und Einsparungen in den Bereichen Energie und Verpackung. Die Einsch├Ątzung zur Rendite stellt auch einen Unterschied zu einem Private-Equity-Unternehmen mit Investoren dar, die die Richtung bestimmen und eher kurzfristige, ehrgeizige Ziele setzen ÔÇô und dabei das eigentliche Unternehmen aus den Augen verlieren k├Ânnen. Mittelst├Ąndische Firmen, wie wir es sind, dagegen denken und handeln langfristig. Und wir stehen auch schwierige Situationen gemeinsam mit den Mitarbeitern und Kunden durch.

Dem Traditionsunternehmen sei "Nachhaltigkeit ├╝brigens schon sehr lange wichtig", betont B├╝hlbecker. Seit 2017 verarbeitet die Firma nur noch Fairtrade-Schokolade.
Dem Traditionsunternehmen sei "Nachhaltigkeit ├╝brigens schon sehr lange wichtig", betont B├╝hlbecker. Seit 2017 verarbeitet die Firma nur noch Fairtrade-Schokolade. (Quelle: Thomas Banneyer/T-Online-bilder)

Sie haben 1976 bei Lambertz angefangen. Damals stand die Firma kurz vor der Pleite. Sie haben aber den Umsatz von 16 Millionen D-Mark auf ├╝ber 600 Mio. Euro im Jahr gesteigert, vor allem indem Sie den Lebensmitteleinzelhandel und die Discounter belieferten und nicht mehr nur den Fachhandel. Sind Sie stolz auf das, was Sie geleistet haben?

Ein gewisser Stolz ist sicherlich dabei. Der darf aber nicht in Hochmut ├╝bergehen, sondern verlangt Demut. Wir sind ein Dienstleister unserer Kunden, sind voll von ihnen abh├Ąngig. Das m├╝ssen wir uns stets bewusst machen. Auch wenn wir so ein altes Unternehmen sind: Wenn sich pl├Âtzlich die Kunden von unseren Produkten abwenden, geraten wir in Schwierigkeiten. Das sage ich auch immer meinen Mitarbeitern.

Entscheidender Teil der Lambertz-Strategie ist auch Ihre Selbstvermarktung. Sie veranstalten Modeschauen, sponsern Sportvereine ÔÇô schalten aber nie Anzeigen f├╝r Ihre Produkte.

Es stimmt: Wir haben noch nicht einen Euro f├╝r Endverbraucher-Werbung ausgegeben, Events passen eher zu uns. Wir zeigen so, was man mit Schokolade machen kann. Wir verbinden Schokolade mit Lifestyle und erz├Ąhlen Geschichten. Content Marketing praktizieren wir seit 40 Jahren und berichten ├╝ber die Tradition unserer Aachener Printen, N├╝rnberger Lebkuchen und Dresdner Stollen. Wir inszenieren die Produkte.

ÔÇŽ und Sie sich selbst. Oft lassen Sie sich bei solchen Events mit Pr├Ąsidenten, Royals und Promis fotografieren. Sogar Wladimir Putin haben Sie bereits einen Christstollen ├╝bergeben. Wie ├╝berzeugt sind Sie von sich?

Es geht mir nicht um Selbstmarketing. Ich bin der Lambertz-Markenbotschafter, Teil des Marketingkonzepts, entstanden aus der Tatsache, dass wir damals kein Geld f├╝r Werbung hatten. Und ja: Ein gesundes Selbstbewusstsein ben├Âtigt man f├╝r diese Aufgabe, besonders aber f├╝r das Unternehmen. Vor ein paar Wochen habe ich von einem Gremium aus den Spitzen von Industrie und Handel den Branchen-Oskar erhalten ÔÇŽ

ÔÇŽ den Goldenen Zuckerhut ÔÇŽ

Genau. Wir verf├╝gen ├╝ber wunderbare Traditionsmarken, die es seit Jahrhunderten gibt. Mit ihnen im R├╝cken darf und muss man auch selbstbewusst auftreten ÔÇô auch wenn man mit US-Pr├Ąsidenten spricht, wie ich es in unserem Engagement im Rahmen der "Clinton Global Initiative" in New York gemacht habe. Wir haben den alten Hoflieferanten-Status in die heutige Welt ├╝bertragen. Trotzdem ist Lambertz nicht zu stolz, Eigenmarken f├╝r Discounter zu produzieren. Das machen wir gerne.

Ihm gehe es nicht um die eigene Person, sagt B├╝hlbecker. Im Hintergrund h├Ąngen die Fotos, auf denen er sich mit Promis, Royals und Pr├Ąsidenten knipsen hat lassen.
Ihm gehe es nicht um die eigene Person, sagt B├╝hlbecker. Im Hintergrund h├Ąngen Fotos, auf denen er sich mit Promis, Royals und Pr├Ąsidenten knipsen lie├č. (Quelle: Thomas Banneyer/T-Online-bilder)

Sie k├Ânnten aber doch auch Selbstmarketing mit Fernsehwerbung verbinden. Wird es bald einen TV-Spot mit Ihnen geben?

Nein, das denke ich nicht. Mir geht es nicht um mich als Person, sondern immer um das Unternehmen ÔÇô und das Tag und Nacht.

Das klingt sehr anstrengend. Wie viel schlafen Sie?

Ich muss mit wenig Schlaf auskommen. An einem normalen Arbeitstag gehe ich nachts um 12 oder 1 Uhr ins Bett und stehe um 6 Uhr wieder auf. Gegen 7 Uhr bin ich dann schon hier in der Firma. Doch wenn abends ein Event ist, komme ich auch mit drei Stunden Schlaf aus.

Und das, obwohl Sie eigentlich nur Beiratsvorsitzender der Firma sind, w├Ąhrend sich Ihr Gesch├Ąftsf├╝hrer Thomas Ulrich Wrede um das operative Gesch├Ąft k├╝mmert. Hei├čt das, die gro├čen Linien bestimmen trotzdem weiter Sie?

Richtig. Als Inhaber und Beiratsvorsitzender ist das so.

Wie lange noch? Immerhin sind Sie schon 71 Jahre alt.

Das m├Âchte und kann ich jetzt noch nicht festlegen. Es geht darum, die Zukunft der Firma zu sichern und mein Hauptziel ist es, dass Lambertz in Familienhand bleibt.

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Herr B├╝hlbecker, vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch.

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