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EU-Austritt ohne Deal: So hart würde der Chaos-Brexit Deutschland treffen

EU-Austritt ohne Deal  

So hart würde der Chaos-Brexit Deutschland treffen

16.01.2019, 07:52 Uhr | pdi, t-online.de

Zwei Jahre Brexit-Votum: Wie betrifft der Brexit die Deutschen? (Screenshot: Reuters)
Wie betrifft der Brexit die Deutschen?

Zwei Jahre sind seit dem Brexit-Votum vergangen. Was bedeutet der Austritt Großbritanniens eigentlich für Deutschland und seine Einwohner?

Brexit: Der Austritt Großbritanniens aus der EU gefährdet auch deutsche Arbeitsplätze. (Quelle: t-online.de)


Die Zeit wird knapp: Ein harter Brexit droht, das Leben der Menschen in ganz Europa durcheinanderzuwirbeln. Die Wirtschaft warnt vor Chaos, mit Folgen auch für Deutschland.

Endlose Lastwagenkolonnen an den Grenzen, Produktionsausfälle, weil Teile nicht rechtzeitig geliefert werden: Die Angst vor einem Brexit ohne Abkommen wächst. Am Dienstag stimmen die Briten über das von Premierministerin Theresa May mit Brüssel ausgehandelte Abkommen zum EU-Austritt ab.

Es gilt als unwahrscheinlich, dass der Deal im Parlament eine Mehrheit bekommt. Tausende Regelungen für Handel und Verkehr zwischen Großbritannien und der Europäischen Union (EU) drohen nach dem 29. März ungültig zu werden. In dem Fall träten für Großbritannien die Regeln der Welthandelsorganisation WTO in Kraft, da es nicht mehr Mitglied des Europäischen Binnenmarkts wäre. Die Folge: Ende des freien Warenverkehrs zwischen der Insel und dem europäischen Festland.

Ein ungeregelter Brexit würde aber nicht nur Großbritannien hart treffen, sondern auch die verbleibenden 27 EU-Mitglieder und deren Unternehmen mit zusätzlichen Milliardenkosten belasten. Davon wären zahlreiche Bereiche in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft betroffen, mit Folgen, auch für Deutschland.

1. Zölle

Kurz vor der entscheidenden Abstimmung hat die deutsche Wirtschaft erneut vor den negativen Folgen im Falle einer Ablehnung gewarnt. Der deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kalkuliert mit jährlich drei Milliarden Euro an Zöllen, die deutsche Unternehmen für Exporte nach Großbritannien voraussichtlich entrichten müssten, schrieb die Funke Mediengruppe. Hinzu kämen weitere rund 200 Millionen Euro für Zollformalitäten.

"Ohne Deal würden zusätzlich Millionen an Zollanmeldungen und Milliarden an Zöllen fällig", sagte der Präsident des Deutschen Industrie-und Handelskammertages, Eric Schweitzer. Zudem würden Lieferketten unterbrochen. Diese Zuliefererketten zwischen Industrieunternehmen sind besonders intensiv zwischen Großbritannien und Deutschland, sodass die Bundesrepublik die Folgen in diesem Zusammenhang besonders stark zu spüren bekäme. 

Schweitzer wies abermals darauf hin, dass in Deutschland ungefähr 750.000 Arbeitsplätze vom Handel mit Großbritannien abhingen. Großbritannien ist Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner. Das Handelsvolumen beträgt 122 Milliarden Euro.

Ein Beispiel dafür ist Airbus, der in Großbritannien etwa 14.000 Mitarbeiter beschäftigt. In den britischen Werken Filton und Broughton werden alle Flügel der Verkehrsflugzeuge entworfen und hergestellt. Um für den Fall eines harten Brexits mit langwierigen Grenzkontrollen gerüstet zu sein, muss Airbus seine Lager aufstocken. An der britischen Zuliefererkette hängen rund 110.000 Jobs. 

"Das Worst-Case-Szenario, der harte Brexit ohne Vereinbarung, würde bedeuten, dass wir keine Teile über die Grenze bekommen", warnte der Chef der Airbus-Verkehrsflugzeugsparte, Guillaume Faury, schon im Sommer.

2. EU-Haushalt

Auch der EU-Haushalt würde ohne Großbritannien für jedes Mitgliedsland teurer werden. Bis Ende kommenden Jahres müsste allein Deutschland bis zu 4,2 Milliarden Euro zusätzlich einzahlen, berichtete die Funke Mediengruppe unter Berufung auf Berechnungen des renommierten Brüsseler Bruegel-Forschungsinstituts.

Dies wäre der deutsche Anteil zum Ausgleich einer Lücke von insgesamt 16,5 Milliarden Euro, die im EU-Haushalt von April 2019 bis Ende 2020 bei einem britischen EU-Austritt ohne Abkommen entstehen würde, heißt es in einem Schreiben des Bruegel-Instituts an den Bundestag, das den Zeitungen vorliegt. Großbritannien ist nach Deutschland der größte Nettozahler in der EU.

Die Brüsseler Experten raten der EU zu einer harten Gangart - sollte Großbritannien seinen Zahlungspflichten nicht nachkommen, müsse dies als "feindlicher Akt" betrachtet werden. Dann sollte die EU Großbritannien auch keine Konzessionen bei notwendigen Notfallmaßnahmen für einen harten Brexit machen.

3. Luftfahrt

Bei einem Brexit ohne Deal drohen chaotische Zustände. Verkehrsrechte und Betriebsgenehmigungen würden in diesem Fall ungültig. Mit Sonderregeln für zwölf Monate will die EU zumindest einige Flüge aufrechterhalten. Störungen dürften trotzdem nicht ausbleiben. Der Airline-Verband IATA fordert eine gegenseitige Anerkennung von Lizenzen sowie Sicherheits- und Industriestandards. Andernfalls müssten etwa sämtliche Gepäckstücke von Passagieren, die über Großbritannien nach Europa reisen, künftig erneut durch die Sicherheitskontrolle. Lange Schlangen an der Passkontrolle seien unvermeidbar.


4. Tourismus

Britische Fluggesellschaften könnten ihr Recht verlieren, etwa von London nach Frankfurt oder Mallorca zu fliegen. Flüge innerhalb der EU wären für sie passé. Probleme kann es aber auch für den deutschen Ferienflieger Condor, der zum Reisekonzern Thomas Cook gehört, und Tuifly geben, weil diese Anbieter nicht mehr mehrheitlich in EU-Eigentum wären. Die Konzerne rüsten sich mit Notfallplänen, damit ihre Maschinen auch bei einem ungeregelten Brexit nicht am Boden bleiben müssen. Für die Verkehrsrechte von Fluglinien ist nicht nur entscheidend, wo die Gesellschaft ihren Sitz hat, sondern auch, wem sie gehört. So müssen EU-Fluglinien zu mehr als 50 Prozent Eigentümern aus der Union gehören.

5. Finanzbranche

Zahlreiche Banken haben angekündigt, Arbeitsplätze von London in andere Finanzzentren zu verlagern. Sobald Großbritannien aus der EU ausgeschieden ist, dürfen sie nicht mehr wie bisher von London aus Finanzgeschäfte in der Gemeinschaft betreiben. Für Dienstleistungen wie Einlagen- und Kreditgeschäft benötigen die Institute rechtlich selbstständige Einheiten in einem EU-Staat.

Etwa 30 Geldhäuser haben bei der Bankenaufsicht daher eine Lizenz für Frankfurt beantragt. Viele Institute bauen zunächst darauf, dass sie einige ihrer vorhandenen Mitarbeiter nach Frankfurt schicken. Bei einem ungeordneten Brexit könnte es jedoch hohe Hürden geben. Arbeitsrechtler warnen, es sei dann kein Selbstläufer, dass Banker aus London die notwendige Arbeitserlaubnis in Deutschland erhalten.

 (Quelle: Deloitte Research/t-online.de) (Quelle: Deloitte Research/t-online.de)

6. Automobilbranche

Großbritannien ist einer der wichtigsten Exportmärkte für Autos aus Deutschland. Zugleich produzieren deutsche Autobauer im Vereinigten Königreich, allen voran BMW mit den Marken Mini und Rolls-Royce. Rolls-Royce hat angekündigt, seine jährliche Herstellungspause im Werk in Goodwood auf April vorzuziehen, um auf einen chaotischen Brexit vorbereitet zu sein. Die Fabrik im britischen Oxford will BMW früheren Angaben zufolge direkt nach dem Brexit für etwa einen Monat schließen. So wolle man das Risiko von Engpässen bei Zulieferern für den Bau von Minis umgehen.

7. Chemie- und Pharmaindustrie

Großbritannien ist ein wichtiger Exportmarkt und Produktionsstandort. Etwa 17.000 Mitarbeiter deutscher Firmen stellen dort nach Angaben des Branchenverbandes VCI Vorprodukte her, die größtenteils in Deutschland weiterverarbeitet werden. Die Branche befürchtet Probleme bei Zulieferungen aus Großbritannien, weil relevante Zulassungen künftig fehlen könnten.


Auch deutsche Unternehmen haben zu spät angefangen, sich auf das "Worst-Case-Szenario" vorzubereiten. Fünf Monate vor dem geplanten Austritt Großbritanniens aus der EU haben 60 Prozent der Firmen hierzulande keine Vorkehrungen für ein No-Deal-Szenario getroffen, wie eine Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ergab. Die verbleibende Zeit reiche bei Weitem nicht aus, um alle drohenden negativen Folgen abzuwenden, konstatiert das Deutsche Aktieninstitut in seinem jüngsten Positionspapier. 

"Aufgrund des Zeitdrucks und der hohen Unsicherheit umfassen die Notfallpläne meist nur die allernötigsten Vorkehrungen. Sie dienen dazu, einen Zusammenbruch großer Geschäftsteile zu vermeiden." So langsam wird ein unkontrollierter EU-Ausstieg wahrscheinlicher und auch deutsche Firmen rüsten sich. Die Uhr tickt.

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