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Aktienidee der FDP: Kann Schwedens Modell die Rente in Deutschland retten?

Aktienidee der FDP  

Kann das schwedische Modell die deutsche Rente retten?

20.02.2021, 12:54 Uhr
Aktienidee der FDP: Kann Schwedens Modell die Rente in Deutschland retten?. Älteres Ehepaar beim Spazierengehen (Symbolbild): Mehrere FDP-Politiker fordern eine Abkehr vom bisherigen Rentensystem. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images/monkeybusinessimages)

Mehrere FDP-Politiker fordern eine Abkehr vom bisherigen Rentensystem. (Quelle: monkeybusinessimages/Thinkstock by Getty-Images)

Die FDP will die Rente reformieren und eine Aktienrente einführen – ganz nach schwedischem Vorbild. Doch warum? Und wie sinnvoll ist das überhaupt? 

Es war ein Vorschlag, der für Aufsehen sorgte: Die FDP möchte die gesetzliche Rente umkrempeln. Weg vom bisherigen System – hin zu einer Aktienrente, zumindest teilweise. Vorbild soll das schwedische Rentensystem sein.

Doch wie sieht das schwedische Rentensystem eigentlich aus? Was will die FDP in Sachen Rente von den Schweden lernen? Und wie sinnvoll ist das überhaupt?

Wie funktioniert das schwedische Rentensystem?

Das schwedische Rentensystem basiert seit Jahren auf Aktien – oder vielmehr auf einer breit gestreuten Aktienanlage. 2,5 Prozent des Beitrags eines jeden Bürgers an die gesetzliche Rente muss in einen Aktienfonds fließen. Das heißt im Klartext: Der Staat zwingt die schwedischen Rentenbeitragszahler dazu, am Aktienmarkt aktiv zu sein.

Dabei haben sie die Wahl zwischen privat gemanagten Fonds – etwa von Blackrock oder Fidelity – oder dem staatlich verwalteten Aktienfonds, dem "AP7". Dieser Fonds investiert das Geld der Beitragszahler über Indexfonds in Aktiengesellschaften, die über der ganzen Welt verteilt sind. Indexfonds, auch ETFs genannt, bilden per Computersteuerung einen Aktienindex wie den Dax nach. Wer hier sein Geld anlegt, investiert praktisch in alle Aktien, die in dem Index notiert sind.

Wenn die Beitragszahler 55 Jahre alt sind, wird das Geld umgeschichtet – in risikoärmere Anlageklassen, wie etwa Anleihen. 16 Prozent des Beitrags zur Rente fließt derweil in den umlagefinanzierten Teil der gesetzlichen Rente, so wie in Deutschland regulär.

Die Schweden entscheiden selbst, wann sie in Rente gehen

Anders als in Deutschland entscheidet in Schweden jeder individuell, wann sie oder er in Rente gehen möchte. Als unterste Grenze gilt ein Alter von 62 Jahren, früher geht das nicht.

In Deutschland hängt die Regelaltersgrenze vom Geburtsjahrgang ab. Geht man früher in Rente, muss man in der Regel mit bisweilen hohen Abschlägen auf die Rentenzahlungen rechnen.

Was will die FDP genau?

Die FDP will die Rente umfassend reformieren. Dafür schlagen Johannes Vogel, der rentenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, und der stellvertretende Fraktionschef und Haushaltspolitiker Christian Dürr vor, eine Aktienrente einzuführen. Dafür wollen sie die erste Säule der Altersvorsorge, die gesetzliche Rente, aufbrechen.

Zurzeit ist es so, dass die gesetzliche Rente nach dem Umlageprinzip finanziert wird. Aus den Einzahlungen der jüngeren Arbeitnehmer in die Rentenversicherung werden die Renten der Älteren bezahlt.

FDP will schwedisches Rentenmodell in Deutschland

Das funktioniert aber nicht mehr so einfach, weil Deutschland immer älter wird: Auf einen Beitragszahler kommen rechnerisch immer mehr Rentenempfänger. Deshalb schlagen die FDP-Männer vor, das rein umlagefinanzierte System zu verlassen. Stattdessen soll es eine Kapitaldeckung in der ersten Säule geben – zumindest zum Teil.

Das deutsche System solle sich an dem schwedischen Rentenmodell orientieren, im Konzeptpapier der FDP heißt es gar, die Politiker wollen "von Schweden in dieser Hinsicht wirklich vollständig lernen".

Johannes Vogel: Der FDP-Rentenpolitiker fordert eine Aktienrente. (Quelle: imago images/Jürgen Heinrich)Johannes Vogel: Der FDP-Rentenpolitiker fordert eine Aktienrente. (Quelle: Jürgen Heinrich/imago images)

Konkret bedeutet das: Alle Beitragszahler sollten zwei Prozent des Bruttoeinkommens in einem unabhängig verwalteten, vollständig aktienbasierten Fonds ansparen – wie üblich mit einem Arbeitnehmer- und einem Arbeitgeberbeitrag.

Von den 18,6 Prozent des jetzigen Rentenbeitrags sollen also zwei Prozentpunkte in den Aktienfonds, im Gegenzug würde der Beitrag zur umlagefinanzierten gesetzlichen Rente im selben Maße gesenkt. Auf Wunsch könne man auch eine freiwillige Aufstockung der Einzahlungen in die Aktienrente zulassen, so die Politiker.

Diese Steuern sollen auf die Aktienrente anfallen

Rentenpolitiker Vogel kritisiert im Interview mit t-online die aktuelle Rentenbesteuerung. "Das Bundesfinanzministerium unter Olaf Scholz streitet vehement ab, dass es im Umstellungszeitraum der Besteuerung der heutigen gesetzlichen Rente überhaupt zur Doppelbesteuerung kommen könne", sagte Vogel. 

Die Bürger müssten nachweisen, dass es anders sei. "Das geht aber erst nach Renteneintritt – wer hebt so lange seine Steuerunterlagen auf? Das finden wir als FDP eine groteske Umkehrung der Beweislast."

Für die Zahlungen aus der Aktienrente soll man laut dem FDP-Mann den persönlichen Einkommenssteuersatz leisten – "und das war's". "Die Beiträge sollten wie heute steuerlich absetzbar sein", so Vogel.

Was will die FDP noch bei der Rente ändern?

Ebenso wie in Schweden will die FDP auch das Renteneintrittsalter flexibler machen. "Wir müssen von der starren Regelaltersgrenze wegkommen", sagte Vogel. "Jeder soll ab einem bestimmten Alter in Rente gehen können, wann er oder sie möchte."

Neben dem zentralen Punkt der Aktienrente hat die FDP noch den Vorschlag, auch die anderen beiden Säulen der Altersvorsorge, sprich Betriebsrenten und private Altersvorsorge, umzubauen. So sollen Riester- und Rürup-Rente zusammenfallen – und flexibilisiert werden.

"Die große Koalition hat die Reform der Riester-Rente verschlafen", so Vogel. "Umso dringender, dass wir die Produkte verbraucherfreundlicher machen, auch für Selbständige öffnen und auch dort höhere Aktienquoten zulassen. Erst dann lassen sich wieder ordentliche Renditen mit dem Riestern erzielen – und die Riester-Rente kann das Konzept der Aktienrente ergänzen."

Wer soll besonders von einer Aktienrente profitieren?

Eine Modellrechnung des Ökonomen und Universitätsprofessor Martin Werding, die im Auftrag der FDP-Politiker entstanden ist, zeigt: Je später Versicherte in Rente gehen, desto eher lohnt sich die Aktienrente. So profitieren besonders Versicherte, die erst nach 2060 in Rente gehen – und hier besonders männliche Geringverdiener.

Durchschnittsverdiener nach 40 Jahren Versicherungszeit, die 2030 in Rente gehen, würden durch eine 2022 eingeführte Aktienrente 48 Euro mehr im Monat haben als ohne die Aktienrente. Bei einem Renteneintritt im Jahr 2060 sind es 457 Euro, ein Plus von fast 30 Prozent im Vergleich zur Absicherung mit einer reinen Umlage-Altersrente wie bisher.

Und männliche Geringverdiener würden durch die Aktienrente laut der Modellrechnung 308 Euro mehr im Monat haben als ohne sie. Das entspricht einem Zuwachs von 36,4 Prozent.

Wie sinnvoll ist eine Rente nach schwedischem Vorbild?

Bei diesem Punkt gehen die Meinungen auseinander. Zuspruch erhält die FDP vom Verbraucherzentrale Bundesverband (Vzbv). Sein Vorstand Klaus Müller, immerhin früherer Landesminister von den Grünen, sagte: "Eine breit gestreute Aktienanlage sorgt für mehr Geld im Lebensalter." Eine Aktienanlage bringe im Mittelwert eine rund dreimal so hohe Rente wie eine risikolose Anlage in Anleihen.

"Die Menschen in Deutschland erwarten, dass Alterssicherung funktioniert", so Müller. Mit der Idee eines staatlich organisierten Vorsorgefonds treibe die FDP die politische Debatte in die richtige Richtung.

Kritik gibt es dagegen von der SPD. "Rente ist mehr als die Zahlungen im Alter", sagte Fraktionsvize Katja Mast. Es gehe auch um einen solidarischen Schutz vor Erwerbsminderung, um Hinterbliebenenversorgung und Rehaleistungen. "All das ignoriert die FDP mit ihrer Rosinenpickerrente."

Eine Aktienrente sei "riskant"

Auch Florian Blank, Referatsleiter Sozialpolitik beim gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI), kritisierte den Vorstoß der Liberalen. "Man kann nicht einfach sagen: Wir übernehmen ein Konzept aus einem anderen Land eins zu eins", sagte er im Gespräch mit t-online. "Die Voraussetzungen in Deutschland sind völlig anders. Was in jedem Fall klar ist: Der FDP-Vorschlag führt zu einer Schwächung der gesetzlichen Rente."

Einen Teil der ersten Säule auf Aktien zu setzen, hält Blank indes für "falsch und riskant". "Die Entwicklung des Aktienmarktes ist nicht vorhersehbar. Ob man aus vergangenen Renditen auf künftige Erträge schließen kann, halte ich für fragwürdig."

Vogel sieht das naturgemäß anders. Er sagt: "Wir setzen auf die breit gestreute, langfristige und globale Anlage über viele Jahre. Die Statistik zeigt: Wenn man so und wirklich langfristig, also über 15 Jahre und mehr, am Aktienmarkt anlegt, ist das Verlustrisiko null und die Rendite hoch."

FDP-Mann will "zusätzliche Steuermittel" für Übergangsphase

Probleme sieht der WSI-Experte auch für den Staatshaushalt. "Es gibt viele offene Fragen – etwa nach den Leistungen und der Finanzierung in der Übergangsphase", so Blank. Doch auch diesen Einwand lässt Vogel nicht gelten. "Für ungefähr ein Jahrzehnt müssen wir zusätzliche Steuermittel dafür aufwenden", so der FDP-Mann.

Blank gibt zudem zu bedenken: "Auch ist die Frage nach der Sicherheit der Leistungen ungeklärt – können bei schlechter Entwicklung der Aktienmärkte auch Leistungen gekürzt werden?" Das müsse geklärt und ausgeschlossen werden, bevor man einen Teil der ersten Säule auf Aktien stelle.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Aktienrente kommt?

Nicht sehr wahrscheinlich. Denn: Die FDP hat als kleinste Oppositionsfraktion im Bundestag fast nichts zu melden. Auch deutet aktuell wenig darauf hin, dass die Liberalen Teil der nächsten Bundesregierung werden könnten. Vogel ist dennoch optimistisch.

"Wir brauchen Verbündete", sagte er im Interview mit t-online. "Ich sehe zum Glück aber auch viele Anknüpfungspunkte zu anderen Parteien und Ideen." Er sei überzeugt davon, "dass sich eine Mehrheit für die Aktienrente finden lässt".

CDU-Politiker mit ähnlichem Konzept

Einige CDU-Politiker hatten Anfang Dezember bereits einen ähnlichen Vorschlag gemacht: Der CDU-Bundesfachausschuss Soziale Sicherung will das einheitliche Renteneintrittsalter abschaffen – und eine Mischrente aus einer Rente auf Aktien und Umlagefinanzierung einführen. Was sich die Politiker genau vorstellen, lesen Sie hier.

"Es freut mich, dass die FDP von uns abgeschrieben und unseren Vorschlag übernommen hat", sagte Kai Whittaker, CDU-Abgeordneter und Vorsitzender des Fachausschusses, im Gespräch mit t-online. "Allerdings muss sich die FDP auch davon freimachen, dass die künftige gesetzliche Rente dauerhaft über die Kapitaldeckung finanziert werden könne." Das werde nicht funktionieren.

"Da muss die FDP ehrlich sein – und klarmachen, dass es Stellschrauben gibt, an denen man drehen muss", so der Politiker. Damit meint Whittaker etwa höhere Beiträge oder ein höherer Zuschuss aus dem Bundeshaushalt – "oder womöglich eine Mischung".

Rentenkommission hat Vorschläge erarbeitet

Fakt ist: Das Rentensystem muss reformiert werden, das ist allen Berliner Rentenpolitikern klar. Uneins sind sie sich allerdings über den Zeitpunkt einer Reform. Aus dem zuständigen Sozialministerium unter Hubertus Heil (SPD) heißt es auf Anfrage von t-online: "Die Rente steht mit den Maßnahmen dieser Bundesregierung für Haltelinien bis 2025 beim Rentenniveau und Beitragssatz auf einem stabilen Fundament. Das hat auch die Corona-Krise gezeigt."

Um für die Zeit nach 2025 die Rente fit zu machen, hatte das Ministerium eine Rentenkommission eingesetzt. Diese hatte Ende März 2020 einen entsprechenden Vorschlag gemacht.

"Diese Empfehlungen sind für uns eine wertvolle Hilfe", so das Ministerium. Ursprünglich hatte Heil bei der Vorstellung der Rentenkommission-Ideen angekündigt, noch 2020 einen Vorschlag für eine langfristige Rentenreform vorzulegen.

Daraus wird allerdings erst nach der Bundestagswahl etwas, wie das Ministerium weiter mitteilt: "Derartige Anpassungen im Rentensystem sind sorgfältig zu prüfen und gut vorzubereiten. Die nächsten Schritte dafür stehen in der kommenden Legislaturperiode an." Der nächste Sozialminister wird sich also damit beschäftigen müssen – wie Vogel sagt: "Nichtstun ist jedenfalls keine Option."

Verwendete Quellen:

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